Ehrenerklärung von Bischöfen gefordert :Zeit für Ehrlichkeit und Konsequenz

Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken ist schockiert über fehlende moralische Integrität: „Wir stehen vor einem Abgrund der Unglaubwürdigkeit“
Datum:
19. März 2021
Von:
Ayla Jacob

Bonns Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken äußert sich schockiert über das gestern im Erzbistum Köln vorgelegte Gutachten. Der Umfang der Pflichtverletzungen bei Missbrauchsvorwürfen durch maßgebliche Verantwortliche der Erzdiözese sei beschämend. Nicht weniger bedrückend sei, welchen Eindruck das Gutachten über die moralische Integrität mancher Verantwortlicher vermittelte. „Dass ein Drittel aller Fälle dem ehemaligen Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, anzulasten ist, hat viele schockiert. Diese Feststellung stellt Kardinal Meisners Glaubwürdigkeit massiv in Zweifel. Er hat sich zu einem Zeitpunkt, in dem er nachweisbar um gravierende Fälle sexuellen Missbrauchs in seinem Bistum wusste, in der Öffentlichkeit völlig ahnungslos und geradezu überrascht gezeigt.“ Auch die Äußerung des Hamburger Erzbischofs, Stefan Heße, bei der gestrigen Ankündigung seines Rücktritts habe wenig integer gewirkt. „Wie kann Erzbischof Heße angesichts des vorliegenden Gutachtens noch behaupten, er habe sich niemals an Vertuschung beteiligt, wo ihm mehrere erhebliche Pflichtverletzungen bei der Aufklärung und der Opferfürsorge nachgewiesen sind“, fragt Picken.

Es sei offenbar bei vielen kirchlichen Amtsträgern schlecht um die Wahrhaftigkeit und die Einsichtsfähigkeit bestellt. „Dass sich kirchliche Würdenträger an ihre erheblichen Pflichtverletzungen selbst dann nicht zu erinnern scheinen, wenn sie ihnen durch ein Gutachten nachgewiesen sind, zeigt wie tief die Vertuschung im System verankert ist. Manche haben ihre vorsätzlichen Pflichtverletzungen offenbar für angemessenes gehalten, um vermeintlichen Schaden von der Kirche abzuwenden“, so Bonns Stadtdechant weiter. Dass die benannten Verantwortlichen im Erzbistum Köln jede Gelegenheit hätten verstreichen lassen, vor der Veröffentlichung des Gutachtens Fehler einzugestehen und daraus Konsequenzen zu ziehen, offenbare wenig Gutes über ihr Gewissen. „Wenn man sich manche Fallschilderungen durchliest, fehlt einem das Verständnis dafür, wie Verantwortliche solche Gewalt ignorieren und vor allem die Opfer solcher Missbrauchstaten ohne jede Fürsorge lassen konnten. Ich frage mich, wie das Priester und Seelsorger fertigbringen konnten“, so Picken weiter. Die fehlende Einsicht und Gewissensrührung der Verantwortlichen, die abwarten, bis eine erdrückende Beweislast sie aus dem Amt hebe, verursache irreversiblen Schaden. „Wer will uns noch glauben, wenn verantwortliche Priester und Bischöfe noch ihre Unschuld beteuern oder schweigen, wenn bereits alle wissen, dass sie sich erheblicher Vergehen schuldig gemacht haben.“ Das sei ein Ausverkauf der Moral, der die kirchliche Glaubwürdigkeit nachhaltig beschädige und für den die Kirche überall, selbst in den Gemeinden vor Ort, in Sippenhaft genommen würde. „Würde es den benannten Verantwortlichen wirklich um die Kirche und ihr Zukunft gehen, hätten sie nicht zögern dürfen, umgehend reinen Tisch zu machen“, sagt Picken.

Bonns Stadtdechant fordert Ehrenerklärungen aller Bischöfe und Verantwortungsträger
„Lieber jetzt Erdrutsch und Explosion als Dauerkrise“

Um einen weiteren Absturz der Deutschen Kirche und eine Dauerkrise zu verhindern, sei es deshalb nun geboten, dass die Verantwortlichen in den anderen Deutschen Bistümern gemeinsame Anstrengungen zur Aufklärung unternähmen. „Wenn sich die Verantwortlichen auch in anderen Bistümern jedes Schuldeingeständnis und jede Konsequenz nur von teuren Gutachten und öffentlichem Druck abringen lassen, wird das verheerende Wirkung zeigen und die Glaubwürdigkeitskrise weiter verstärken und über Jahre ausdehnen“, verdeutlich der Bonner Stadtdechant. Es sei deshalb anzuregen, dass die amtierenden Bischöfe und Verantwortlichen der Deutschen Kirche in kurzer Zeitfrist gewissenhaft klärten, ob sie sich Pflichtverletzungen vorzuwerfen hätten und dann entsprechend reagierten. „Alle Verantwortlichen sollten Ehrenerklärungen darüber abgeben, dass sie sich nicht an Vertuschung beteiligt haben oder aber Pflichtverletzungen einräumen und daraus Konsequenzen ziehen“, so Picken weiter. Dabei könne der Deutschen Bischofskonferenz die Ehrenerklärung als Vorbild dienen, die alle Mitglieder der CDU-Fraktion des Deutschen Bundestages im Zusammenhang mit der Mundschutz-Affäre abgegeben hätten.

„Das Kölner Gutachten hat Maßstäbe gesetzt. Das bedeutet, die Namen der Verantwortlichen, die sich Pflichtvergehen vorwerfen lassen müssen, werden in den nächsten Jahren in jedem Bistum bekannt werden. Auch ist nach den gestrigen Rücktritten von Bischöfen klar, dass als Konsequenz vielfach nur der Rücktritt bleibt. Entsprechend ist es sinnvoll, wenn jetzt alle Verantwortlichen auch ohne weitere Gutachten Farbe bekennen und gegebenenfalls freiwillig zurücktreten.“ Das bedeute vermutlich auch für Bischöfe, denen man bereits Pflichtverletzungen nachgewiesen hat wie den Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, den Essener Bischof Franz-Josef Overbeck und den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, dass verbale Entschuldigungen oder symbolische Gesten nicht als Konsequenz ausreichen dürften. Die Kirche in Deutschland brauche einen Neustart und müsse deutliche Zeichen setzen, wenn sie ihre Zukunft sichern und bei den Bürgern wieder eine Chance haben wolle. Zwar könne es sein, dass eine Verpflichtung zur Ehrenerklärung im Deutschen Episkopat und in den Generalvikariaten einen Erdrutsch auslöse. Eine solche Klarheit und eine daraus folgende Explosion seien aber sinnvoller als die Fortsetzung einer unendlichen Geschichte erzwungener Aufklärungen und Rücktritte durch unabhängige Gutachten. Gleichwohl seien Gutachten in jedem Bistum wichtig, damit die Aufarbeitung gewissenhaft erfolge und systemische Fehler behoben würden. Auch seien sie Voraussetzung dafür, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfahre.