Klinikseelsorge:"Wir gehen einen langen, gemeinsamen Weg mit den Menschen"

Interview mit vier Seelsorgern über die Arbeit an der LVR-Klinik in Bonn
Datum:
20. Dez. 2021
Von:
Ayla Jacob

Gelebte Ökumene an der LVR-Klinik in Bonn:
Ute Schroller (evangelische Pfarrerin), Stefanie Graner (evangelische Pfarrerin), Barbara Dreyer (katholische Gemeindereferentin) und Dirk Baumhof (katholischer Pfarrer) arbeiten als Klinikseelsorger.
Über die Besonderheiten und auch Herausforderungen ihrer Arbeit berichten sie im Interview. Stefanie Graner war beim Gespräch nicht anwesend.

 

Was ist die originäre Aufgabe der Seelsorge speziell in der LVR-Klinik?

Barbara Dreyer: Es gibt verschiedene Herangehensweisen: Entweder besuchen wir die Menschen auf den Stationen, die Menschen suchen uns auf oder das medizinische Personal macht uns auf Menschen aufmerksam, die seelsorgerliche Begleitung brauchen können. Das ist er organisatorische Rahmen. Wenn es zum Gespräch kommt, geht es hauptsächlich darum da zu sein und zuzuhören. Gerade auch bei längerfristiger Begleitung, die die Regel ist, versuche ich, Alltagserfahrungen mit dem christlichen Glauben zu verbinden. Dabei sind wir auch offen für Menschen mit anderen spirituellen Hintergründen als dem christlichen, aber ich als katholische Seelsorgerin biete den katholischen Deute-Horizont an.

Ute Schroller: Ein großer Teil unserer Arbeit ist auch die Begleitung von Angehörigen, die sich ebenfalls oft an uns wenden. Darüber hinaus betreuen wir die Patientinnen und Patienten auch über den stationären Aufenthalt hinaus, falls das gewünscht ist. Das bieten wir auch konkret an. Teilweise melden sich auch Menschen von außen, die mit uns in Kontakt kommen möchten. Das ist möglich aufgrund unserer Beauftragung in der Region und im sozialpsychiatrischen Raum. 50 Prozent meiner seelsorglichen Kontakte bestehen zu Menschen, die in der Klinik sind. Die anderen 50 Prozent sind Menschen außerhalb der Klinik, zu denen ich den Kontakt weiterhalte oder ihn neu aufbaue.

Dirk Baumhof: Ich werde extern auch angesprochen durch meine Anbindung an die Münsterpfarrei oder weil ich im Caritas-Tageszentrum in Beuel präsent bin. Auch da ergeben sich Verbindungen. Die Klinikseelsorge ist auch eine Art Netzwerkarbeit. 

 

Wie binden Sie die Konfession in ihre Seelsorge ein?

Dreyer: Ein konkretes Beispiel: Ein Patient berichtet von Medikamenten, die er nehmen muss. Er spricht davon, wie sehr er darunter leidet und erzählt von den Schmerzen, die er hat – körperlich und seelisch. Dann wäre eine Verbindung zum christlichen Glauben, dass mit ein Psalmwort dazu einfällt. Natürlich nur dann, wenn derjenige dafür offen ist. Oder dass ich von mir erzähle, was mir in einer Situation geholfen hat, in der es mir richtig dreckig ging. Es geht in der Seelsorge immer darum, auch die eigenen Erfahrungen einzubringen. Derjenige merkt dann, dass er nicht allein ist mit seinem Problem. Das ist ein Gegensatz zur Therapie, wo der Therapeut sich zurückhält.

 

Wie wichtig ist für die Patienten die konfessionelle Seelsorge?

Baumhof: Wir unterscheiden nicht, wir sind prinzipiell offen, wenn eine Anfrage kommt. Es gibt Situation, in denen speziell die evangelische Pfarrerin verlangt wird. Oder es geht um Beichte oder Krankensalbung, da bin ich dann am Zug. Da sind Frau Dreyer und ich im Gespräch. Aber prinzipiell haben wir uns das Haus untereinander aufgeteilt, jeder ist für bestimmte Stationen zuständig – unabhängig von der Konfession. So können wir gut den Kontakt halten. Wenn eine dezidierte Anfrage kommt, vermitteln wir.

Schroller: Es kommen dezidierte Anfragen nach evangelisch oder katholisch, aber auch nach Mann oder Frau. Manchmal wird auch konkret nach einer Person gefragt, weil die Menschen uns auf den Plakaten gesehen haben, die mit unseren Kontaktdaten überall im Haus hängen. Es ist ganz unterschiedlich. Wir sind da aber offen.

Dreyer: Es kommt aber auch häufig vor, dass Menschen erst einmal froh sind, dass jemand für sie da ist. Dann spielt die Konfession – wenn überhaupt – erst später eine Rolle. Wenn der Kontakt gestimmt, das Gespräch gut war, dann bleibt man verbunden.

 

Gab es Situationen, in denen Patientinnen und Patienten die Seelsorge aufgrund der jeweiligen Konfession abgelehnt haben?

Dreyer: Ich habe es noch nicht erlebt, dass jemand komplett abweisend war. Im ersten Kennenlernen kommen aber schon Dinge zur Sprache, die derzeit Thema in der katholischen Kirche sind. Sie fragen nach und möchten sich mit diesen Themen auseinandersetzen. 

Baumhof: Was eher vorkommt ist, dass sich die Patienten bewusst für einen Seelsorger oder eine Seelsorgerin - also für einen Mann oder eine Frau – entscheiden, um ein Gespräch zu führen. 

 

Was macht Ihre Arbeit so besonders?

Baumhof: Die Menschen wissen es zu schätzen, dass da jemand ist, der zuhört und der vor allem Zeit hat. Ärzte, Pflegepersonal oder auch Psychologen bewegen sich in einem engen Zeitkorsett. Das ist unser Vorteil: Bei uns kommt es auch zehn Minuten nicht an. Das ist auch für mich ein großer Vorteil gegenüber der Arbeit in Pfarreien – ich habe ausreichend Zeit für mein Gegenüber. Das ist ein Pfund, mit dem wir hier wuchern können. Und so kommen auch Patientinnen und Patienten vorbei, die einfach „nur“ reden wollen. Dann entwickeln sich die Dinge. Und es ist egal, ob es Muslime oder Menschen ohne religiösen Hintergrund sind. 

Dreyer: In unseren Gesprächen werden viele Alltagssituationen thematisiert. Dabei kommen viele verschiedene Emotionen wie Wut oder Trauer auf. Das ist eine wichtige Aufgabe für uns: Wir spenden Trost. Es geht nicht ums Machen oder darum, Lösungen zu finden. Wir können nicht auf Knopfdruck heilen, wir stehen den Menschen zur Seite, bleiben dabei und halten es gemeinsam aus.

Schroller: Es ist eine große Chance, dass wir uns gemeinsam mit den Menschen auf den Weg machen und schauen, was das jeweilige Leben ausmacht. Wir fragen: Sehen Sie im Moment nur das, was schwierig ist? Wie können wir Sie unterstützen? Wir können Hoffnung geben, wo andere keine mehr sehen. 

 

Bleiben Ihnen viele Patientinnen und Patienten verbunden?

Dreyer: Ja, es entstehen teilweise jahrelange Begleitungen. Es gibt Patienten, die waren 2008 hier und kommen immer noch. Das ist der Unterschied zur Krankenhausseelsorge. Hier haben die Menschen ja oft chronische Erkrankungen. Es geht ihnen phasenweise besser, sie sind zu Hause und suchen dennoch den Kontakt. Weil die Auf und Abs so massiv sind.

Baumhof: Ich bin jetzt seit einem Jahr hier, aber auch ich kann das schon bestätigen. Ich habe Patienten, die ich im Oktober 2020 bei mir waren und die ich nach wie vor betreue. Es ist schon ein längeres Miteinander-auf-dem-Weg-sein.

 

Stehen Sie in Kontakt zu Therapeuten oder wird strikt getrennt?

Schroller: Eine Ärztin hat mich auf einen Patienten hingewiesen, der Fragen zu seinem religiösen Hintergrund hatte. Sie vermutete krankmachende Aspekte darin. Ich habe dann das Gespräch gesucht und der Kontakt hat geholfen. Ich konnte dem Patienten deutlich machen, dass man die Bibel nicht wörtlich nehmen muss, sondern dass es ein lebendig auszulegendes Buch ist und man den Kontext beachten muss. Das war für ihn sehr hilfreich, weil er die Bibel nur wörtlich lesen und annehmen konnte.

Baumhof: Was den Austausch mit Therapeuten angeht, gilt für uns die Schweigepflicht. Es ist für die Patienten ein hohes Gut zu wissen, dass sie sich im absolut geschützten Raum befinden. So wird zum Beispiel auch nichts aus den Gesprächen dokumentiert. Das heißt natürlich nicht, dass wir nie mit Ärzten sprechen. Aber alles erfolgt unter strenger Beachtung der Schweigepflicht. Ein Beispiel: Bei einer Patientin habe ich den Hinweis gegeben, dass es gut wäre, ihr von ihrer geschützten Station aus den Besuch des Gottesdienstes zu ermöglichen. Schon auf solch kleine Anmerkungen hin reagieren Ärzte und Pflegepersonal und versuchen, alles möglich zu machen. Man spürt: Die gemeinsame Sorge um den einzelnen Menschen steht im Vordergrund.

Dreyer: Wir haben auch Maßregelvollzug hier. Dort begleite ich einen jungen Menschen. Im Laufe des Prozesses fragte mich die Oberärztin, wie ich ihn wahrnehme, da er von Ärzten und Pflegepersonal als sehr aggressiv wahrgenommen werde. Da kann ich ohne Verletzung der Schweigepflicht eine Einschätzung geben. Ärzte wollen natürlich immer viel wissen, es wird auch nachgebohrt, aber dann verweisen wir auf den Patienten. Den Austausch empfinde ich als sehr sinnvoll, auch für mich als Seelsorgerin. So erfahre ich mehr über die Ziele, die verfolgt werden und weiß, in welche Richtung es gehen soll. Das hilft mir in meiner Arbeit.

 

Wie geht man mit der Schweigepflicht um, wenn man zum Beispiel mit gefährdeten Patientinnen und Patienten arbeitet?

Schroller: Wir haben hier zum Beispiel mit vielen suizidal gefährdete Menschen zu tun. Da ich unter Schweigepflicht stehe, habe ich eine Strategie entwickelt: Ich bitte die Patientinnen und Patienten, mir zu versprechen, sich bis zum nächsten Tag nichts anzutun. Und biete an, dass wir am nächsten Tag telefonieren. Wenn es sich um einen Externen handelt, dann telefoniere ich jeden Tag mit ihm. Ist es jemand, der sich in ärztlicher Behandlung befindet, dann spiegele ich ihm, dass mich die Erzählungen belasten. Ich verspreche, dass ich nichts davon weitergeben werde, bitte ihn aber, mit seinem Arzt zu sprechen oder mir zu gestatten, mit diesem zu kommunizieren. Dann habe ich eine Schweigepflichtentbindung. 

 

Ist durch die Corona-Krise eine Verschärfung der Situation festzustellen? 

Dreyer: Ja, auf jeden Fall. Vor allem für Menschen, die alleine sind. Sie vereinsamen zusehends, die Isolation nimmt zu. Außerdem wurde deutlich, dass viele Angst hatten, vor die Tür zu gehen. Im Zuge dessen haben die Anfragen zugenommen, allerdings hauptsächlich telefonisch. Neben den Telefonaten haben aber auch Treffen stattgefunden, dann allerdings draußen. Häufig war das der einzige Termin, die einzige Struktur, die derjenige in der Woche hatte. 

Baumhof: Die Verschärfung gilt auch für die stationären Patienten. So konnten sie teilweise aus Infektionsschutzgründen nur im Zimmer essen. Das war ein gravierender Einschnitt für einige. Sie kämpfen eh mit einer Problematik und sitzen dann alleine im Zimmer. 

Schroller: Ich habe den Eindruck, dass sich die Ängste bei den Menschen, die alleine zu Hause waren, verstärkt haben. Zu Hochzeiten der Pandemie haben wir unter anderem Fenstergespräche angeboten – wir haben hier die Bürofenster geöffnet, die Menschen konnten draußen vorbeikommen und wir haben kommuniziert. Um allen ein Gespräch zu ermöglichen, mache ich zum Beispiel auch Hausbesuche. Das war und ist vor allem für diejenigen wichtig, die aus psychischen oder physischen Gründen – zum Beispiel aus Infektionsschutz – nicht das Haus verlassen können und wollen. 

 

Wer hat sich bei Ihnen gemeldet?

Dreyer: Einerseits waren es ehemalige Patienten, andererseits aber auch Menschen von außerhalb. So haben sich einige gemeldet, die ich im Begegnungszentrum der Stiftung Gemeindepsychiatrie Bonn-Rhein-Sieg am Moltkeplatz kennengelernt habe. Mit der Stiftung arbeiten wir zusammen, offerieren im M2 zum Beispiel Gesprächsangebote.

 

Was macht Ihren Job aus? 

Dreyer: Ich gehe nächstes Jahr in Rente, aber ich würde bis heute sagen, dass es mein Traumjob ist – weil es um Beziehungen und Begegnungen geht. Der Austausch mit Menschen über ihren Alltag, ihren Glauben. Da lerne ich eine Menge über mich selbst. Ich habe immer gesagt, dass ich in die Psychiatrie gehe, weil es keinen anderen Ort gibt, an dem ich so an meine eigenen Ecken und Kanten stoße. Das muss man wollen und lieben und ich liebe es. 

Schroller: Ich mag Menschen, die ein bisschen schräg sind. Die aus der Norm fallen. Für sie brennt mein Herz. Durch meine Behinderung falle ich ja auch etwas aus der Norm. Ich begleite die Menschen hier gerne, weil man merkt, dass nicht erst Masken fallen müssen. Sie wissen: Man kann sich begegnen, sein Herz ausschütten und muss keine Rolle spielen. Ich bekomme ganz viel zurück. Die Offenheit und die Tatsache, dass Menschen mir etwas anvertrauen – das gibt mir unheimlich viel zurück. 

Baumhof: Hier geht es ums Leben, um die existenziellen Fragen und das, was Menschen bewegt und was sie weiterbringen wollen. Es ist anders als im Gemeindeleben, das ich ab und zu als oberflächlich erlebt habe. Wenn man zum Beispiel nach Beerdigungen noch auf dem Friedhof blieb, um mit den Angehörigen zu sprechen und ihnen beizustehen, wurde das nicht anerkannt. Das ist hier anders. Was ich auch für mich wichtig finde: Es ist etwas Längerfristiges. Es sind keine punktuellen Begegnungen, wir gehen einen langen, gemeinsamen Weg mit den Menschen. Das empfinde ich als Geschenk. 

 

Gemeindereferentin Barbara Dreyer ist seit 2008 zu 50 Prozent in der Seelsorge in der Region Bonn-Rhein-Sieg-Kreis tätig. Ansonsten wirkt sie als Fachreferentin für Psychiatrie-Seelsorge im Erzbistum Köln. Ihr Büro befindet sich in der LVR-Klinik Bonn. 

Ute Schroller ist evangelische Pfarrerin in der LVR-Klinik Bonn mit ganzer Stelle, angebunden an die Lukaskirchengemeinde mit Stimme und Sitz im Presbyterium. Sie ist seit 1994 zuständig für die Seelsorge in der Klinik und im sozial-psychiatrischen Umfeld. 

Pfarrer Dirk Baumhof ist mit voller Stelle in der Seelsorge in der LVR-Klinik tätig. Er wirkt als Pfarrer in der Psychiatrieseelsorge an der LVR-Klinik und in der Seelsorge für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen im Stadtdekanat Bonn und in den Kreisdekanaten Rhein-Sieg-Kreis, Rhein-Erft-Kreis, Altenkirchen und Euskirchen sowie als Subsidiar am Bonner Münster.