Stadtpatronefest:„Vorbilder für Zivilcourage und Humanität“

Beim Festhochamt mit Kerzenopfer des Rates stellte Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken in seiner Predigt die Bedeutung von Cassius und Florentius auch für die heutige Zeit heraus – ihren Einsatz für die christlichen Werte, die das Fundament unserer Gesellschaft, unseres Staates bilden und die es zu bewahren gelte. Im Anschluss wurden die Kopfreliquien in einer Prozession in die restaurierte Krypta überführt
Datum:
3. Okt. 2021
Von:
Ayla Jacob

Es war ein würdiger Auftakt und gleichzeitig der erste Höhepunkt des Stadtpatronefestes: das Festhochamt mit Kerzenopfer des Rates der Stadt Bonn und die sich anschließende Prozession zur – nach Jahren der Sanierung – wiedereröffneten Krypta des Bonner Münsters. Dort fanden die Feierlichkeiten einen (ersten) Abschluss, zum ersten Mal nach langer Zeit wurde in dem romanischen Gemäuer gemeinsam das Gebet der Stadt gesprochen, bevor das Stadtpatronelied erklang. 

Prozession zur restaurierten Krypta des Bonner Münsters

Mit dabei waren unter anderem Oberbürgermeisterin Katja Dörner, diverse Studentenverbindungen und Fahnenabordnungen, Ritterorden und Vertreter aus Politik, Verwaltung und von der Cassiusbruderschaft. Neben den geladenen Gästen waren auch zahlreiche andere Gläubige in die Kirche Sankt Remigius gekommen, um der Stadtpatrone Cassius und Florentius zu gedenken. Außerdem verfolgten viele Bonnerinnen und Bonner das Festhochamt im Internet, denn die Feierlichkeiten wurden per Live-Stream übertragen. 

In seiner Predigt stellte Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken die Bedeutung von Cassius und Florentius, die seit dem Jahr 1643 als Stadtpatrone von Bonn verehrt werden, auch für die heutige Zeit hervor. Obwohl diese Tradition, die Verehrung und das Kerzenopfer zahlreiche historische Ereignisse überdauert habe und bis heute Gültigkeit besitze, sei es nicht selbstverständlich. „Der Blick unserer Gegenwart ist extrem auf die Zukunft fokussiert“, stellte der Stadtdechant fest. Man sei im Hier und Jetzt mit rasanten Veränderungen konfrontiert, sodass beinahe alle Aufmerksamkeit darauf gerichtet sei, „die Orientierung im Hier und Jetzt nicht zu verlieren und unseren Weg in die Zukunft abzusichern und zu gestalten“. Da bleibe wenig Raum für Besinnung – auf sich selbst, aber auch auf Geschichte und Tradition. 

Selbstüberschätzung mische sich ab und an in unser modernes Lebensverständnis. Kein Problem, das nicht lösbar sei. Dank Impfstoff und Staatsinvestitionen habe man die Corona-Pandemie in den Griff bekommen, so sei die Überzeugung weitergewachsen, dass man auch für andere Krisen unserer Zeit „schon irgendwie pragmatisch-technische Lösung findet“. Dass aber viele Probleme unserer Gegenwart „ihren Ursprung in einer fehlenden Grundeinstellung und einem fragwürdigen Welt- und Menschenbild haben, das wird weitgehend ausgeblendet“. Die Frage nach der Vergangenheit aber werde kaum noch gestellt. „Man könnte als junger Mensch schnell den Eindruck haben, vieles sei einfach so da: der Würdebegriff, das Gemeinwohl, der Sozialstaat, die Demokratie.“ Doch gerade der Blick zurück mache deutlich, dass dem nicht so ist. 

Bildungssystem setzt zu wenig auf soziale und geistig-kulturelle Bildung

Hier zeige sich das Defizit unsere Bildungssystems, das zu wenig auf soziale, auf geistig-kulturelle Bildung setze. „Wo und wie wird die Geisteshaltung ausgebildet und gefördert, die ein gemeinsames Verständnis von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit als unverzichtbare Grundlage für unser Gesellschaftsmodell möglichst in jedem verankert?“, so Picken. Gleich wie man zur konkreten Kirche stehe: „Es ist die Botschaft Jesu, sein Verständnis von der gleichen Würde aller Menschen, seine Idee vom sozialen Miteinander, seine Aussagen auch über die Gewissensverantwortung eines jeden Menschen vor Gott, die maßgebliche Grundvoraussetzungen für das sind, was unseren sozialen Rechtsstaat und unsere Vorstellung von einer solidarischen Stadtgesellschaft ausmacht.“ Menschen wie Cassius und Florentius, die dieser Botschaft folgten und ihr Leben dafür einsetzten, sei es zu verdanken, dass man so leben könne, wie wir es aktuell tun. „Solche Menschen wird es zukünftig brauchen, klar in ihrer Haltung und unerschrocken in ihrem Verhalten, wenn das so bleiben soll.“ 

Christliches Gedankengut darf nicht ausgeklammert oder gelöscht werden

Daher dürfe das christliche Gedankengut nicht ausgeklammert oder gar gelöscht werden. Denn dann „entziehen wir unserem System etwas, was für seinen inneren Bestand zwingend erforderlich ist“, so der Stadtdechant. Daher könne es dem Staat nicht gleichgültig sein, wie es den Kirchen gehe. Denn sie seien genuiner Partner in der Sicherung „der geistigen Fundamente unsere Gesellschaftsordnung“. Somit verletze es nicht die Neutralität des Staates, wenn er die christlichen Kirchen fördere, wenn auch in staatlichen Einrichtungen christliches Gedankengut vermittelt werde. 

„Es wäre bedeutsam, dass wir auch weiterhin aktiv unsere christliche Kultur pflegen“, so Picken. Und zwar nicht, damit jeder Christ oder katholisch werde, „sondern damit die geistigen Grundlagen von Staat und Gesellschaft sicher bleiben“. Auch wer das Stadtpatronefest nicht als en christliches Fest begehen würde, würde doch verstehen, warum Cassius und Florentius verehrt würden. „Sie sind Vorbilder für Zivilcourage und für Humanität“, so Picken. Und erinnerten uns daran, was Staat und Recht vorausgehe und was es zu bewahren gelte.  „Wir dürfen unsere geistlichen Ressourcen genauso wenig riskieren wie die materiellen Ressourcen von Schöpfung und Umwelt“, appellierte der Stadtdechant. „Beides ist bedeutsam für die Existenz kommender Generationen. Nicht zuletzt deshalb wahren wir heute das Gedächtnis an unsere Stadtpatrone, Cassius und Florentius.“

Oberbürgermeisterin entzündet die Bittkerze des Stadtrates

Zuvor hatte die Oberbürgermeisterin die Bittkerze des Stadtrates entzündet. Das Kerzenopfer geht bis ins Mittelalter zurück. In einem Protokoll des Cassius-Stiftes aus dem Jahr 1595 ist von sechs Wachskerzen die Rede, die der Magistrat der Stadt gestiftet hat. Heute ist auf der Kerze die Aufschrift „Cassi, Florenti orate pro nobis – Der Rat der Stadt Bonn“ zu lesen.

Die beiden Stadtpatrone, Cassius und Florentius, waren im Rheinland stationierte Söldner aus dem Norden Afrikas. Sie starben Ende des 3. Jahrhunderts den Märtyrertod, weil sie nicht gegen andere Christen kämpfen wollten. Alljährlich wird ihrer beim Stadtpatronefest gedacht.