Sonntag, 19. April:Textimpuls von Monsignore Bernhard Auel

„Berühre die Wunden“
20200419_Auel
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Datum:
19. Apr. 2020
Von:
Monsignore Bernhard Auel

Die Überschrift ist der Titel eines Buches des tschechischen Priesters Tomaŝ Halìk. Darin fand ich auch folgenden Hinweis: Vom heiligen Martin - unserem Pfarrpatron - wird folgende Legende erzählt: In einer Nacht erschien dem jungen Bischof im Traum eine Gestalt, die mit großer Herrlichkeit und Ehre gekrönt war. Auf die Frage, wer denn diese nächtliche Besucher sei, bekam Martin zur Antwort: „Ich bin es, Christus.“ Der heilige Martin blieb jedoch völlig unbeeindruckt und sagte: „Nie werde ich glauben, dass mir Christus erscheine, wenn ich seine Wundmale nicht sehe.“ Darauf verschwand die Gestalt – es war der Teufel, der ihn in Versuchung bringen wollte, und der hatte keine Wundmale vorzuweisen.

Das Bild, das ich für diesen Impuls ausgewählt habe, stammt von Michelangelo da Caravaggio. Das heutige Evangelium (Joh 20,19-31) mit dem zweifelnden Glauben des Thomas lädt uns ein, mit all unseren Fragen und Zweifeln vor den Herrn hinzutreten. Thomas ist ein moderner Mensch, ein kritischer Kopf, der nicht gleich zu allem Ja und Amen sagt. Er will den Finger in die Wunden legen. Er will sich vergewissern, dass der, von dessen Auferstehung ihm die anderen Jünger erzählen, wirklich der gekreuzigte Jesus von Nazaret ist. Er will sich mit seinen Fingern wie ein Blinder an den Auferstandenen herantasten. Jesus weist dieses Verlangen nicht als ungebührlich zurück. Zufassen, nachfragen, sich mit dem Vorgegebenen nicht zufrieden geben, das ist auf dem Weg zum erwachsenen Glauben nicht nur erlaubt, sondern geradezu geboten, das hat nichts mit Ungläubigkeit zu tun. Es dient der Klärung, der Rechenschaft des Glaubens gegenüber Fragen von innen und außen.

Wunden führen nach innen in die Tiefe. Würden sie übersprungen, der Glaube wäre flach und oberflächlich. Es sind ja gerade die Wunden, die uns im Leben und im Glauben zu schaffen machen: das erlittene Unrecht, die unheilbare Krankheit, die Corona-Pandemie, das Scheitern und auch bei den Themen des gesellschaftlichen Leben und der Politik. Die offenen Wunden sind wie offene Fragen, Fragen an Gott. Sie stellen Gott in Frage. Sie lassen uns oft genug an Gott und der Welt verzweifeln. Die Frage nach dem Leiden wird im Glauben nicht gelöst, aber erlöst. Sie trifft in Gott auf einen Betroffenen. Der Gott, an den wir Christen glauben, geht an den offenen Wunden nicht vorbei, er trägt sie selbst. Und er hat die Kraft, sie zu verwandeln. Es gibt uns zu denken, dass Thomas sich über die Wunden an den Auferstandenen und damit an den Osterglauben herantastet. Die Wunden werden Wegweiser zum Glauben. Am Ende schaut Thomas nicht nur die Wunden, sondern Jesus selbst: „Mein Herr und mein Gott!“. Das Heil eröffnet sich nicht an den Wunden und am Tod vorbei, sondern durch sie hindurch. Ihre Quelle ist das durchbohrte Herz des Herrn Jesus Christus, des Auferstandenen.

So beten wir, wie es vor Jahren mein Studentenpfarrer Theo Schmidkonz (1926-2018) einmal formuliert hat:

Jesus, du sagst:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer mir glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.
Wer mir glaubt, wird gewiss nicht sterben
in Ewigkeit. Glaubst du das?“

Jesus, du weißt alles, du weißt auch,
dass wir dir glauben möchten.
Denn wer auf der Welt ist glaubwürdiger
als du, Jesus, Bruder der Menschen?
Danke für dein grenzenloses Vertrauen.
Danke für deine Geduld mit uns.

Schenk uns die Gnade,
dass wir wie Thomas
aufrichtig zu dir sagen können:
„Mein Herr und mein Gott“.
Und auch wie Marta von Bethanien:
„Ja, Herr, ich glaube dir.
Du bist der Messias, der Sohn Gottes“ (Joh 11).

Amen: So ist es.
Amen: Es geschehe.