Samstag, 02. Mai 2020:Tagesimpuls von Gabriele Althen-Höhn

Hildegardis-Codex, Die wahre Dreiheit in der wahren Einheit, (1098-1178), Kopie in Benediktinerinnen-Abtei Eibingen
Hildegardis-Codex, Die wahre Dreiheit in der wahren Einheit, (1098-1178), Kopie in Benediktinerinnen-Abtei Eibingen
Datum:
2. Mai 2020
Von:
Gabriele Althen-Höhn

In den letzten Wochen sind viele von uns allein gewesen. In einsamen Zeiten fühlen wir stärker als sonst, was uns trägt, zufrieden und gelassen macht. Aber wir erleben uns auch schneller ungeduldig, verzweifelt, kommen uns verlassen und verloren vor. Mystiker haben diese Ambivalenz der Einsamkeit, den Wechsel der Gefühle und Einsichten intensiv erlebt und beschrieben. Sich selbst in diesen Lebensphasen annehmen können, sich in der Einsamkeit auf dem eigenen Weg, auch auf dem Weg zu Gott zu sehen - gegen allen Anschein, davon erzählt das Mandala der Hildegard von Bingen. Ich habe eine Erklärung gefunden, ein Gespräch zu diesem Mandala, das Sie abgebildet sehen. Schauen Sie das Mandala an und verfolgen Sie den Dialog:

Schüler: Ich sehe einen Menschen inmitten zweier Kreise, einem goldenen und einem silbernen. Der silberne Kreis umfließt die Gestalt des Menschen.

Lehrer: Für Uneingeweihte mögen Mandalas ähnlich rätselhaft sein wie eine Landkarte für kleine Kinder. Man sieht Farben und Formen, kann sie aber nicht lesen. Du solltest, wir alle sollten das Mandala nicht heute, nicht morgen, aber doch fernerhin – lesen lernen.

Schüler: Was ist ein Mandala?

Lehrer: Eine Wegkarte der Wahrheit. Ein mystisches Bild, das Gott, Mensch und Welt in ihrer Zusammengehörigkeit schauen lässt.

Schüler: Der Mensch in der Bildmitte – kann ich es sein?

Lehrer: Es ist Christus. Du bist es. Ich bin es auch. Zugleich ist es die ganze Welt, wie ein alter Lehrsatz sagt: „Die Welt ist das All insgesamt. Sie besteht aus Himmel und Erde. In einem mystischen Sinn aber wird die Welt passender als Mensch bezeichnet.“

Schüler: Was aber bedeutet dann der große Kreis, der nach innen hin die Menschengestalt umfließt?

Lehrer: Er bedeutet Gott. Gott umfängt, trägt und durchdringt alles.

Schüler: Aber Gott ist doch Einer! Wieso ist da noch ein zweiter Kreis in der Mitte?

Lehrer: Dieser Kreis ist die funkelnde Lohe. Hier ist Gott unerreichbar: Geheimnis, das keinen Namen hat, weil alle Begriffe, Bilder und Namen darin falsch werden. – Vielleicht ist es besser, ihn das göttliche Nichts zu nennen.

Schüler: Nichts?

Lehrer: Die verborgene Gestalt der Gottheit, die gestaltlos ist. Das göttliche Licht, das nicht erleuchtet, sondern blind macht. Der grenzenlose Abgrund, in dem es kein Etwas mehr gibt.

Schüler: Das sind ja schreckliche Beschreibungen. Sie machen die Gottheit für mich furchterregend.

Lehrer: Und doch hat sich das furchterregende Geheimnis als Liebe offenbart. Es trägt und erleuchtet den Menschen, wie das Bild es dir zeigt.

Schüler: Das ist schwer zu verstehen.

Lehrer: Du musst nicht gleich am Ziel sein wollen. Die tiefe Wahrheit, von der wir herkommen, weil sie in jedes Menschen Kindheit leuchtet, ist zugleich die Wahrheit, zu der wir ein Leben lang unterwegs bleiben. Lass das Mandala deinen Weg begleiten. Es will dir sagen: Das bist du! Wenn du das eines Tages mit deinem inneren Auge ein-siehst, ist die Wahrheit in dir zu sich selbst heimgekehrt.

© Hildegard-Codex, Die wahre Dreiheit in der wahren Einheit, in: Hubertus Halbfas, Der Sprung in den Brunnen