Predigtreihe "Geschunden" :Predigt zum dritten Fastensonntag 2021

Den Text der Predigt des Bonner Stadtdechanten finden Sie hier zum Nachlesen und zum Download.
Stadtdechant Dr. Picken bei der Predigt
Stadtdechant Dr. Picken bei der Predigt
Datum:
8. März 2021
Von:
Redaktion

Liebe Brüder und Schwestern, 

wir setzen nun die diesjährige Predigtreihe fort. Sie steht unter dem Motto, „Geschunden“. Unser Blick ist dabei auf das Kreuz gerichtet, das für den Leidensweg Jesu und damit die tragische Geschichte des geschundenen Gottessohnes steht. Wir sprechen von einer Quälerei von unvorstellbarem Ausmaß, die über die Kräfte hinausgeht und zum Tod führt. Das Kreuz ist ein Symbol, das nicht zuletzt auch für die Erfahrungen steht, die unser eigenes Leben gravierend erschweren und uns gelegentlich an die Grenzen unserer physischen und psychischen Belastbarkeit führen.

Es ist – wie sollte es mit dem Blick auf existenzielle Krisen auch anders sein – keine leichte Fragestellung. Ausgelöst durch die gegenwärtige Konfrontation mit der Coronakrise und dem die Kirche erschütternden Missbrauchsskandal kam die Idee für dieses Motto auf. „Geschunden“, irgendwie fühlen sich viele in Gesellschaft und Kirche gerade so, zumal uns die genannten Probleme bereits gefühlt eine Ewigkeit malträtieren. Nicht wenige unter uns sind erschöpft und demoralisiert, fühlen sich vor Grenzen des Erträglichen gestellt. „Geschunden“, das Thema weckt die Erinnerung an Erfahrungen, die uns persönlich an die Grenzen unserer Leidensfähigkeit geführt haben. Es ruft weit mehr ab, als ursprünglich intendiert, im Übrigen auch zu meiner eigenen Überraschung.

Heute begegnen uns zwei biblische Texte, die eine vertiefte Auseinandersetzung mit uns selbst anregen. In der Lesung aus dem Buch Exodus haben wir vom Berg Sinai gehört, auf dem JHWH dem Isareliten Mose die zehn Gebote überantwortet. Bis auf den heutigen Tag sind sie die Grundlage jeder semitisch-christlichen Moral. Sie bilden die unverzichtbare Basis für das, was wir eine humane Gesellschaft nennen würden. Wir haben sie oft gehört und wissen, dass sie nicht nur ein Werk der Rechtsgeschichte darstellen, sondern als Appelle an das menschliche Handeln, und damit auch an unser Verhalten zu verstehen sind.

Auf den Lesungstext folgte als Evangelium ein Abschnitt, den uns Johannes überliefert. Er handelt von der Säuberung des Tempels in Jerusalem. Jesus vertreibt die Händler und Geldwechsler, die sich im Inneren des Heiligen Gebäudes niedergelassen hatten. Markant ist dabei besonders sein Ausruf: „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ Jesus empört sich dabei nicht nur über die Entfremdung eines Sakralbaus. Der Zustand des Tempels steht für mehr. Er ist das Bild für die fehlende, moralische Integrität des auserwählten Volkes. Die geschilderte Unordnung und die Entweihung im Inneren stehen für eine Lebensgestaltung, die sich von den Geboten am Berg Sinai weit entfernt hat. Es haben sich Verhaltensmuster entwickelt und etabliert, die nur noch wenig mit dem zu tun haben, was mit dem Anspruch des Gottesvolkes zu verbinden wäre. 

Ich höre beide Texte und denke sehr unmittelbar an ein Wort des Apostels Paulus, das wir im Korintherbrief finden. Da heißt es: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören. Denn Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr.“

Unweigerlich wird damit der Text von der Säuberung des Tempels zu einer Anfrage an jeden einzelnen von uns. Das Bild lenkt die Aufmerksamkeit auf unsere persönliche Lebensführung und den Zustand unseres Inneren. Wir sind der Tempel, der Ort in dem Gottes Geist wohnt. Gefordert ist, dass wir dieser großen Würde entsprechen, in dem wir uns an seinem Willen orientieren, der in den zehn Geboten zum Ausdruck kommt. Es ist ein eindringlicher Appell, unser Inneres rein zu halten und der Berufung zu entsprechen, die an uns ergangen ist, als er uns durch Taufe und Firmung zum Tempel seines Geistes gemacht hat.

Damit wären Klarheit und Konsequenz, auch die Reinheit unserer individuellen Lebensführung angesprochen. Es ist nach dem gefragt, was uns innerlich bestimmt und den wichtigsten Platz einnimmt. Wer oder was ist in uns lebendig? „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben,“ so heißt es im ersten Gebot.

 Allein die Konfrontation mit dieser Anfrage löst ein gewisses Unbehagen aus. Die meisten würden vermutlich ohne näheren Blick auf die Einzelheiten sofort einräumen wollen, dass es um den Tempel des eigenen Inneren nicht ideal bestellt ist. Dass sich Händler und Geldwechsler eingenistet und festgesetzt haben, scheint eine passende Metapher für die vielen Kompromisse zu sein, die wir mit Blick auf die zehn Gebote und den Willen Gottes eingegangen sind. Manches, was nicht der Norm entspricht, ist zur Normalität geworden, und vieles steht unvermittelt neben dem Geist Gottes, obwohl es wenig bis gar nicht dazu passt. Dass wir dabei nicht nur vom ersten Gebot sprechen, sondern auch von den Folgenden muss nicht eigens betont werden. 

Sicherlich dürfen wir in Anspruch nehmen, dass wir uns immer wieder um Ordnung bemüht haben. Auch wird zutreffen, dass der Zustand unserer Moral noch weit unordentlicher und widersprüchlicher sein könnte, als er sich gegenwärtig darstellt. Naja, schlimmer geht immer.

Aber sicher ist, zumindest möchte ich das für mich sagen, dass man sich bei näherer Betrachtung immer wieder weit weg vom Ideal der Gebote Gottes und der Vorgaben Jesu erlebt. Würde ich von mir selbst sagen wollen, dass ich ein Tempel Gottes bin, oder um es noch deutlicher zu sagen, dass es andere an mir wahrnehmen müssten? Ich wäre mir nicht sicher. 

Wohl wüsste ich zu sagen, dass ich mich immer wieder ehrlich bemühe. Ich erlebe Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit an mir und nehme mir vor, ihnen zu begegnen. Dabei stelle ich fest, dass mir an der einen oder anderen Stelle durchaus Fortschritte gelungen sein dürften. Aber was genau so wahr ist, ist, dass ich an vielen Stellen nicht vorwärtskomme und mein Bemühen ohne Ergebnis bleibt. 

Sicherlich werden sie wissen, wovon ich spreche. Es gibt Ideale, deren Bedeutung man anerkennt, aber die zu leben uns immer wieder nicht gelingen oder bei denen der Erkenntnis über ein Defizit und dem guten Vorsatz sehr bald der Wiederholungsfall folgt. Immer dasselbe. Ich stelle fest, dass es in meiner Natur und meinem Charakter Grenzen gibt, die zu überwinden mir nicht gelingen. Entsprechend stehe ich trotz allen Bemühens oft am gleichen Punkt.

Es ist wie eine Sisyphusarbeit, die nicht zum gewünschten Erfolg führen will. Ich bin darüber nicht selten unzufrieden und ärgere mich über mich selbst. Über weite Strecken empfinde ich es als Quälerei, und, da wären wir bei dem Begriff angekommen, und erlebe mich „geschunden“ von mir selbst. Müde von der scheinbar zwecklosen Auseinandersetzung mit dem, was in meinem Wesen starr und widerständig bleibt und sich der Welt meiner Ideale nicht anpassen möchte. Selbstverständlich ist dieses Gefühl nicht immer gleich ausgeprägt, aber ich denke mir oft, dass es anders in mir aussehen sollte. Keine Frage, Jesus hätte so manches aus meinem Inneren zu vertreiben, und ehrlich gesagt, ich würde mir das manches Mal wünschen, weil es wenigstens zum gewünschten Ergebnis führen würde. So aber bleibt uns Menschen an bestimmten Punkten nur ein lebenslanges Ringen mit uns selbst und unserem Wesen. Ein Plagen oft ohne Nutzen, was in der niederdrückenden Wirkung gewichtiger sein kann als äußerer Misserfolg. Man wünscht sich dann eine andere Haut, eine Verwandlung und Heilung, wie in den Wundererzählungen der Heiligen Schrift, und bleibt doch derselbe und dieselbe. 

„Geschunden vom Ringen mit selbst.“ Man kann dem auch zu entkommen versuchen, in dem man den moralischen Widerstand aufgibt und sich arrangiert. Aber jeder weiß aus Erfahrung, dass das die Gefahr mit sich bringt, dass sich Unarten auswachsen und verschärfen. Sie können schnell eskalieren und zu Konsequenzen führen, die man verabscheut. Also bleibt man im Kampf mit sich selbst und schindet sich weiter, wissend, dass man manche Fehler und Schwächen vermutlich mit ins Grab nimmt.

Wenn ich mich so geschunden erlebe, von mir selbst, suche ich gerne die Nähe des Kreuzes. Mich tröstet dann, in diesem Anblick ein äußeres Bild für das zu finden, was meiner inneren Wirklichkeit entspricht. Auch steht das Kreuz für einen Kampf des Guten gegen das Böse, der zunächst nicht zu gewinnen scheint. Das passt.

Nach längerem Verweilen dann meine ich etwas zu spüren, das mir vom Kreuz aus zu verstehen gibt, dass ich dennoch ein Tempel Gottes bin: „Weißt du nicht, dass du Gottes Tempel bist und der Geist Gottes in dir wohnt?“ Ich ahne dann, dass mein Ringen, auch das mit mir selbst, nicht vergeblich sein wird. Schließlich höre ich meinen geistlichen Begleiter lächelnd sagen: „Wolfgang, Du musst auch noch der Gnade Gottes und seiner verwandelnden Liebe Möglichkeiten lassen. Sei gewiss, er wird vollenden, was er in dir begonnen hat.“ Das versöhnt mich immer wieder sehr. Es schenkt mir Frieden und Gelassenheit Und es ermutigt mich, meinen Weg mit mir selbst fortzusetzen.

Amen.