Der Podcast des Stadtdechanten:Missbrauchsstudien

Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken spricht in seinem Podcast vom 20. November 2020 über Glaubwürdigkeit, persönlicher Verantwortung und Rücktrittsforderungen
Gründonnerstag_Bild
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Datum:
20. Nov. 2020
Von:
Ayla Jacob

In seinem Podcast vom 20. November beschäftige sich Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken mit dem Thema Missbrauch in der Kirche und den Missbrauchsstudien. "Sie sollen die leitenden Persönlichkeiten in der Kirche zur Rechenschaft ziehen, auch zu Konsequenzen veranlassen, sofern ihnen schuldhaftes Verhalten nachgewiesen wird". Darüber hinaus, so Picken, sollen sie struturelle Defizite ausmachen - damit Veränderungen eingeleitet werden können, um neue Fälle zu vermeiden Vertuschung zu verhindern. "Dass sich viele Deutsche Bistümer dazu entschieden haben, solche Unabhängigen Studien in Auftrag zu geben, ist ein starkes Signal und ein wichtiger Beitrag nicht zuletzt auch, um die Glaubwürdigkeit der Kirche wiederherzustellen und Vertrauen zu gewinnen", stellt der Stadtdechant fest.

Was aber nun - Stand November 2020 - geschehe, "wirkt der guten Absicht der Auftraggeber entgegen und bewirkt mit Blick auf die öffentliche Wahrnehmung gegenwärtig das glatte Gegenteil". Beispiel Aachen: Dort wurde das Gutachten bereits veröffentlicht. Demnach sollen der noch lebende, ehemalige Bischof von Aachen und der Generalvikar seiner Amtszeit an der Vertuschung von Missbrauchsfällen beteiligt gewesen sein. Außerdem sollen sie potenzielle Täter erneut pastoral eingesetzt haben und Opfer nicht hinreichend ernstgenommen und unterstützt haben. Dennoch sei auch eine Woche nach der Veröffentlichung nichts von den Beschuldigten zu hören gewesen, der amtierende Bischof forderte von seinem Vorgänger ein Zeichen der Buße und zu einer Zahlung zu einem Entschädigungsfond auf. "Wie peinlich muss so etwas auf eine Öffentlichkeit wirken, dass es keine unmittelbaren Reaktionen auf die vorgelegte Faktenlage gibt und der Eindruck entstehen muss, die Angesprochenen duckten sich weg", so Picken. Die Beschuldigten seit langem gewusst haben, dass ihr Verhalten nicht korrekt war. "Man hätte eigentlich erwarten können, dass Priester solchen Aufklärungen zuvor kommen, wenn sie um ihre Schuld wissen. Fragwürdig wenn sie dazu durch unabhängige Studien veranlasst werden müssen und dann trotzdem schweigen. Man wundert sich."

Ähnlich verhalte es sich mit Blick auf den Hamburger Erzbischof. "Ihm wird vorgeworfen, zumindest in einem Fall als früherer Personalchef des Erzbistums Köln wissentlich an einer Vertuschung beteiligt gewesen zu sein." Die Beweislage wurde immer erdrückender. Die Reaktion: Erzbischof Heße habe Versäumnisse eingeräumt, "betont aber ausdrücklich, dass es keine Gründe für einen Rücktritt gäbe", so Picken im November 2020. Auch andere Konsequenzen wie die freiwillige Zahlung seien nicht erwogen worden. Man gewinne den Eindruck, der Erzbischof weiche aus, "obwohl es als wahrscheinlich gelten muss, dass die Angelegenheit bei der Veröffentlichung der Kölner Studie im Frühjahr des nächsten Jahres (Anmerkung: März 2021) erneut aufgeworfen wird". Kaum nachvollziehbar, "wie offenbar jeder Millimeter an Zugeständnis den Verantwortlichen abgerungen werden muss".

Ähnlich verhalte es sich bei Essen Bischof Franz-Josef Overbeck. Dieser soll einem gravierenden Missbrauchsfall nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt und den Einsatz eines bereits strafrechtlich verurteilen Missbrauchstäters in seiner Diözese nicht verhindert haben. Es lasse einen verwundert zurück, dass die Konsequenz des Bischofs sei, aus dem Vorfall zu lernen. Sonst: nichts. "Welcher Grad persönlicher Schuld und Verantwortung muss erreicht sein, ist es etwa die Anzahl an Opfern, damit die Verantwortlichen über einen Rücktritt nachdenken und den Weg für eine Leitung freimachen, die von diesen strukturellen Defiziten frei ist?", fragt Picken. "Es steht sehr zu befürchten, dass kein neuer Anfang möglich werden wird, wenn die klaren Konsequenzen ausbleiben, die aus dem Missbrauchsskandal gezogen werden müssten."

Vor diesem Hintergrund falle auf, dass Kölns Erzbischof für sich angedeutet hat, "er werde vor persönlichen Konsequenzen nicht zurückschrecken, wenn ihm eine Beteiligung an der Vertuschung von Missbrauchsfällen nachgewiesen würde". Man könne das methodische Vorgehen seiner verantwortlichen Mitarbeiter im Kontext der Kölner Untersuchung für skandalös halten und den Kopf über die offensichtlichen Kommunikations- und Verfahrensfehler schütteln, "unverständlich bleibt aber, dass Stimmen den Rücktritt von Kardinal Woelki fordern, obwohl ihm bisher keine Beteiligung nachgewiesen ist, während diejenigen, die zweifelsfrei Schuld tragen, einen Rücktritt ausschließen und sich in ausweichende Stellungnahmen flüchten", stellte Picken fest. Auffällig sei auch, dass Stimmen innerhalb und außerhalb der Kirche Rücktrittsforderungen an die Adresse des Kölner Kardinals ins Spiel bringen, "während sie die Bischöfe, deren Beteiligung an Vertuschung und Fehlentscheidungen fest stehen, verschonen. Hier wird mit vollkommen unterschiedlichen Maßstäben gemessen", so der Stadtdechant im November-Podcast. Das komme einer Missachtung der Opfer gleich und lasse vollständig aus dem Blick geraten, "dass es im Interesse einer klaren Prävention keine politischen Spielchen sondern nur an Fakten orientierte Klarheit geben kann".