Bonner Stadtdechant sprach über Systemrelevanz der Kirchen:„Gesellschaft muss Interesse daran haben, dass Kirche systemrelevant bleibt!“

Datum:
21. Juni 2020
Von:
Barbara Ritter

BONN. Der Bonner Stadtdechant, Dr. Wolfgang Picken, predigte am Sonntag, dem 21. Juni 2020 um 18.00 Uhr, im Abendgebet mit Themenpredigt über das Thema „Systemrelevanz der Kirche für die moderne Gesellschaft“. Der Gottesdienst in aus der Remigius-Kirche wurde bundesweit von #DABEI übertragen.

Bonns Stadtdechant stellte seiner Predigt die These voraus, dass es außer Frage stehe, „dass die Kirchen auch heute noch systemrelevant sind und es im Interesse aller sein müsste, dass sie das auch bleiben.“ Zweifelsfrei sei das Image der Kirchen durch „Skandale im Bereich Sex und Geld“ angeschlagen und die Mitgliederzahlen rückläufig. Dennoch wäre die Bewertung der Kirche schlechter als ihre Realität. Nicht zuletzt in Öffentlichkeit und Medien würden sich manche übermäßig und unfair an den Kirchen abarbeiten, weil sie „offene Rechnungen mit der Institution zu begleichen hätten.“ Das führe dazu, dass die Kirchen vielerorts in die Bedeutungslosigkeit geschrieben oder ganz totgeschwiegen würden.

In seiner Analyse stellte Dr. Picken fest, dass „in den letzten Jahrzehnten zweifelsfrei ein Relevanzverlust der Kirche“ festzustellen sei: „Ihr Einfluss ist geringer geworden.“ Dabei hob er aber hervor, dass man diese Feststellung in den Kontext einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung einordnen müsse. „Es ist die logische Folge einer Entwicklung hin zu einer multikulturellen und pluralen Gesellschaft.“ Die Bürger gehörten heute nicht mehr selbstverständlich einer Religion, einer Partei oder einer gesellschaftlichen Gruppierung an. Haltungen und Einstellungen unterlägen einem beständigen Wandel. Nicht selten verkehrten sie sich im Verlauf eines Lebens in ihr Gegenteil oder vereinten Bürger scheinbar gegensätzliche Einstellungen in sich. Das habe weitreichende Konsequenzen: „Solche Veränderungen in Verhaltensmustern und Haltungen haben den Relevanzverlust aller Institutionen zur Folge, die programmatisch aufgestellt sind und Identitäten prägen.“ Entsprechend seien erhebliche Auswirkungen auf Parteien, Gewerkschaften, Vereine und Verbände, und damit natürlich selbstverständlich auch auf die Kirchen zu beobachten. Selbst „Familie, Ehe und Partnerschaft“ seien davon betroffen. Relevanzverlust sei deshalb „ein durchgängiges Phänomen beinahe bei allen Subsystemen in der Gesellschaft“ und träfe manche Institutionen noch stärker als die Kirchen. Dr. Picken wies dabei auf den Zustand mancher Parteien hin, die in wenigen Jahren auf ein Drittel der Akzeptanz in der Bevölkerung gesunken seien. Prozesse dieser Art müsse man kritisch verfolgen, weil sie nachhaltige Auswirkungen auf die Zukunft der Deutschen Demokratie nach sich ziehen könnten.

Besonders kritisch merkte Bonns Stadtdechant an, dass viele innerkirchliche Debatten einem Relevanzverlust der Kirche Vorschub leisteten. Vom einfachen Gläubigen in der Kirchenbank, über den hochengagierten Laien bis zum violett gekleideten Würdenträger begegne man allenthalben einem Klein- und Bedeutungslosreden von Kirche. Dr. Picken hob deshalb mahnend hervor: „Wenn wir nicht aufpassen sind wir als Kirche bald wirklich nicht mehr systemrelevant, und zwar weil wir das selbst herbeigeredet haben.“ Zwar habe die Kirche Fehler gemacht und Skandale provoziert, die „Umkehr, Wiedergutmachung und Nachdenklich“ forderten. Gleichwohl bedeute dies aber nicht, dass „die Botschaft, für die die Kirche einzustehen hat, nicht bedeutend“ sei. Es würde weder die Kirche als weitverzweigte Institution, die überall im Land präsent sei, einflusslos machen, noch vermittelte es, dass die Gesellschaft die Kirche nicht brauche. Die Kirchen, denen immer noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung angehörten und die flächendeckend im Land verbreitet und organisiert sei, seien zweifelsfrei ein fester Bestandteil der Gesellschaft. Sie trügen einen großen Teil der sozialen Infrastruktur, „von Kindegärten und Schulen, über caritative Einrichtungen, Beratungsstellen, Krankenhäuser und Altenheime.“ Sie garantierten in vielen Dörfern und Stadtteilen gemeinschaftliches Leben und seien einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. Eine Institution, die so aufgestellt und organisiert sei „für nicht systemrelevant zu halten,“ entbehre jeder Grundlage, so der Stadtdechant weiter. Wenn man den Stecker der Kirche ziehe und alles vollständig ausfallen ließe, was Kirche ausmache, würde sich schnell zeigen, dass weite Teile der Gesellschaft kollabieren würden.

Besonders stellte Dr. Picken heraus, dass die Kirchen auch relevant für den Fortbestand der Demokratie und der westlichen Werteordnung seien. Das Traditionsgut der Kirchen, der christliche Glaube, sei Grundlage für Verfassung und Rechtsordnung. Die Deutsche Gesellschaft lebe gefährlich, wenn sie diese Grundlage verlasse und die Erneuerung dieser Wertebasis nicht pflege. Bonns Stadtdechant verband dies mit Fragen an seine Zuhörer: „Wer aber könnte den Geist unserer Werteordnung lebendig halten, wenn es die Kirchen nicht mehr leisten können? Wer wird die Gesellschaft zusammenhalten, ihre Kontinuität vermitteln, wenn die Institutionen, die diese Funktion bisher wahrgenommen haben, erodieren?“ Dr. Picken betonte, die Deutsche Gesellschaft und ihre Demokratie könne sich mit Blick auf die Zukunft nicht leisten, auf die Stimme der Kirchen und anderer Institutionen verzichten, weil Demokratie von der Konkurrenz der Meinungen lebe. Sein Resümee: „Kirche leistet einen hohen Beitrag zur Funktionalität unseres Systems und ist damit am Ende nützlich und relevant für jeden.“

Schließlich verwies Bonns Stadtdechant darauf, das viele Grundsätze, für die die Kirchen stünden, Wege aus tiefgreifenden Problemen der Gegenwart weisen könnten. Dabei nannte er die Bewahrung der Schöpfung, die gerechte Verteilung der Güter, die Wahrung der Würde und des Lebensrechtes aller Menschen, Geschwisterlichkeit und Solidarität als Beispiele. Solche Werte, auf die die Gesellschaft im Kontext vieler Krisen und offener Fragen angewiesen sei, und die Kirchen, die sie vermittelten, nicht für systemrelevant einzuschätzen, nannte Dr. Picken deshalb abschließend „unvernünftig und riskant.“ Entsprechend forderte die Kirchen auf ihre systemrelevante Funktion auszufüllen. An die Gesellschaft appellierte Dr. Picken, den Kirchen im eigenen Interesse diese Rolle zuzugestehen und sie darin zu bestärken.