Predigtreihe "Geschunden":Die Predigt zum fünften Fastensonntag

Den Text der Predigt des Bonner Stadtdechanten finden Sie hier zum Nachlesen und zum Download.
Datum:
21. März 2021
Von:
Ayla Jacob

Liebe Brüder und Schwestern,

heute bereits schließen wir unsere diesjährige Predigtreihe in der Fastenzeit ab. „Geschunden“ ist das Motto.  Der Blick fällt auf das Kreuz und damit auf die Dimensionen des Lebens, die uns als Menschen an die Grenzen unserer Belastungs- und Leidensfähigkeit führen und die uns das Leben über manche Wegstrecken als beschwerlich erscheinen lassen und zur Qual machen.

Darüber nachzudenken ist eine Herausforderung, weil es schnell schmerzliche Erfahrungen in Erinnerung ruft und weil es uns unweigerlich mit immer wiederkehrenden Beschränkungen konfrontiert, die wir nicht einfach beiseiteschieben und überwinden können. Das eröffnet die Frage nach den Ursachen, auch nach dem Warum, und provoziert ein Nachdenken darüber, was uns der Glaube an Christus zu tun empfiehlt, wenn wir uns wieder einmal „geschunden“ fühlen.

Als Zusammenfassung unserer bisherigen Überlegungen lässt sich die Empfehlung ausspre-chen, dass wir in den als belastend und schwer erträglich empfundenen Momenten das Kreuz als eine Einladung verstehen, sich mit seinem Elend und seinen Grenzen vor Gott einzufinden und vor ihm ehrlich zu machen. Es charakterisiert solche Augenblicke und Phasen des Lebens, dass wir dann nicht wissen, wohin wir mit uns selber sollen. Wir fühlen uns einsam und unver-standen. Uns quält dann die uns allen aus einem Schubertlied wohlvertraute, verzweifelte Fra-ge: „Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken?“

Zum Kreuz, das scheint die Antwort. Zum Bild eines Gottes, der durch seine Bereitschaft, unse-re menschlichen Leid- und Grenzerfahrungen zu teilen, eine einmalige Form von Nähe und Ver-ständnis herstellt. Es gibt einen Ort, zu dem wir uns flüchten können. An ihm wird dann ein mehrfach biblisch übermitteltes Versprechen hörbar. Wie aus dem brennenden Dornbusch lässt sich vom Kreuz aus leise vernehmen: „JHWH, Ich bin da.“ Wie in der Zuwendung Jesu zu seinen Jüngern, von denen er weiß, dass der weitere Weg sie in große Nöte führen wird, meinen wir den Gekreuzigten sprechen zu hören: „Ich bin bei dir alle Tage Deines Lebens.“ Mit letzter Kraft, so überliefert es die Heilige Schrift, nimmt Jesus im äußersten Empfinden des „Geschun-denseins“ selbst seine Zuflucht zu Gott: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!“

„Geschunden und auf Gott verwiesen.“ So greift es auch das gerade schon genannte Lied auf, wenn es dort weiter heißt: „Zu Dir, zu Dir, o Vater, komm ich in Freud und Leiden; du sendest ja die Freuden, Du heilest jeden Schmerz.“ Das Kreuz ist Fluchtpunkt, der Ort, an dem es keine Verstellung mehr braucht und der es uns ermöglicht, ehrlich zu sein vor uns und vor Gott. Im Schatten des Kreuzes tritt an die Stelle einer bedrängenden Einsamkeit das Gefühl eines Mit-einanders zwischen geschundenem Menschen und geschundenem Christus. Eine aussichtlose Verzweiflung kann sich in das Vertrauen verwandeln, dass es ein Ende der Quälerei geben wird.
Ein Hoffnungspunkt. 

Zweifelsfrei sind es diese Augenblicke, in denen uns das Leben das Glück aus den Händen schlägt und in denen wir mit unserer Unvollkommenheit oder den Grenzen unserer Möglichkei-ten konfrontiert sind, die die Frage nach Gott intensiv aufwerfen und den Menschen geradezu existenziell auf ihn verweisen. 

Dann um diesen Ort zu wissen, das Kreuz, und sich ermutigt zu fühlen, vor ihm auszusprechen, was auf dem Herzen drückt, und es als Christ in dem eingeübten Vertrauen zu tun, dass Wand-lung möglich ist und am Ende die Liebe siegen wird, ist – so empfinde ich es immer wieder – das große Geschenk unseres Glaubens. Ich mag mir nicht vorzustellen, was es bedeuten würde, wenn man in solchen Momenten nach dem Ort sucht, zu dem man sich wenden könnte, und keinen findet. Das wird bald die trostlose Realität vieler Menschen sein, die ohne das Wissen um das Kreuz und seine Kraft aufwachsen oder bereits leben.

Sicherlich, auch das ist meine persönliche Erfahrung, ergibt sich die entlastende Wirkung des Kreuzes nicht von jetzt auf gleich. Man erlebt sich, wenn man sich ehrlich gemacht hat vor Gott, zuerst im Ringen mit sich selbst und seinem Schöpfer. Man fühlt sich wie der Gekreuzigte aus-gespannt zwischen Hader und Zweifel: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“ und einem Einwilligen und sich der Liebe Gottes Anvertrauen „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“ Dieses Ringen, das kommt mir als Bild dabei oft in den Sinn, wirkt zuweilen wie der physische Kampf zwischen Jakob und JHWH am Jabbok, von dem im Alten Testament die Rede ist und der über Stunden dauert. Die Auseinandersetzung unter dem Kreuz kann zu ähnlich unschönen Szenen und auch zu Worten führen, die man nicht wiederholen möchte. Sie kostet Kraft. Aber – wie sich an der erwähnten biblischen Szene zeigt – darf dieser Streit mit Gott sein, vielleicht muss es sogar zu ihm kommen, damit sich manches klären und lösen kann. Am Ende führt er zu einer grundlegenden Veränderung im eigenen Leben. Zu einem Glauben, einer Hoffnung und einer Liebe, die zur eigenen, ganz persönlichen und existenziellen Erfahrung werden. Jakob heißt anschließend Israel, und fast möchte ich sagen, wird der Mensch mit diesem Ringen un-ter dem Kreuz vermutlich erst zum Christen.

Nun, das scheint an dieser Stelle noch wichtig zu sagen: Es ist nicht die Inszenierung Gottes, dass wir vom Leben geschunden werden, damit wir den Weg zu ihm unter das Kreuz finden. Wer sich näher betrachtet, was es heißt, wenn wir Menschen an Grenzen geführt werden, und wel-che Formen von Quälerei es in unserem Leben geben kann, muss diesen Gedanken verwerfen. Er ist nicht kompatibel mit einem Gott, der uns Menschen aus Liebe geschaffen hat und das Gute für uns möchte. Der Gott, an den wir als Christen glauben, ist nicht der, der Leiden aufer-legt und uns schinden will. Er ist der Gott, der, wenn uns das Leben belastet und unerträglich erscheint, möchte, dass wir wissen, wohin wir uns wenden können. Zum Kreuz. Er ist der Gott, der uns vor der Verzweiflung bewahren und Vertrauen vermitteln will. „Geschunden und auf diesen Gott verwiesen.“

Liebe Brüder und Schwestern, wir fühlen uns gerade als Gemeinschaft der Glaubenden „ge-schunden“. Ich spreche von der Wirklichkeit in unserer Kirche und diesen Abgründen der Immo-ralität, die uns alle sprachlos machen. Wir sind zudem hier vor Ort vom Tod unseres Priesters,
Wolfgang Bretschneider, bedrückt, von dem wir uns am vergangenen Mittwoch verabschieden mussten. Auch beschleicht uns alle die Ahnung, dass uns die Pandemie mit einem dritten Lockdown weiterhin unser Leben, unsere Sicherheit und unsere Freiheit streitig machen wird. In der Summe wirkt das alles extrem beschwerend.

Vielleicht nehmen wir in dieser Situation bewusst die Einladung des Kreuzes wahr. „Geschun-den und auf diesen Gott verwiesen.“ Finden wir uns unter dem Kreuz ein. Wohin sonst sollten wir uns auch wenden? Seien wir ehrlich vor Gott, klagen, ringen und fragen wir. Und hören wir ihn dann sagen: „Habt Vertrauen. Ich bin da.“ Oder, um es mit den Worten des heutigen Evan-geliums zu sagen: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht!“

Beten wir miteinander und vertrauen wir darauf, dass das Geschunden-sein sich wandeln wird, und dass die Zumutungen dieses Augenblicks die Chance bieten, dass unser Glaube reift und stärker wird, und dass aus Tod und Krise neue Frucht erwächst. „Geschunden und befreit“.

 

Wie oft wenden wir uns wütend und verzweifelt gegen Gott, weil er uns nicht vor Unheil und Not bewahrt, auch weil unser Leben den Tod kennt. Wir machen ihn gerne verantwortlich, weil er zulässt, was uns quält und belastet. Wir stellen dann die berühmte Frage nach dem „Warum“. Sie begegnet mir immer wieder, weil das priesterliche Leben mich so oft in Situationen führt, in denen Menschen in Notlagen getrieben sind. Ich staune oft, in welch vielfältigen Ausformungen und Variationen das Leben für Menschen Not und Schwere bereithält. Manchmal denke ich mir, mit der Zunahme von Lebensjahren müsste es mir vertrauter werden, aber ich bin immer wieder aufs Neue überrascht. Die Not hat unendlich viele Gesichter.

Warum? Eine Frage im Übrigen, die auch mir immer wieder auf der Seele liegt  und unter den Nägeln brennt. „Aber wer hat aus dem Holz das Kreuz geformt, wer die Dornenkrone auf den Kopf geschlagen, wer die Nägel in die Hände getrieben?“ Die vor Jahren gestellten Fragen meines geistlichen Begleiters weisen darauf hin, dass die Schinderei am Kreuz, auf die wir blicken, Menschenwerk ist. Er ist „Geschunden von Menschen“. Diese bittere Erkenntnis lässt uns in einem Kirchenlied singen: „Was du, Herr, hast erduldet, ist alles meine Last. Ich, ich hab es verschuldet, was Du getragen hast.“

Die Frage nach dem Warum,  die wir schnell an Gott stellen, müssten wir oft zuerst an den Menschen richten. Warum tust du das? Warum lässt du dich von Hass und bösen Absichten, von Neid und Gier treiben. Warum rührt dich nicht, was du verursachst? Warum siehst du nicht, dass du den anderen in die Krise treibst, schindest, quälst ?Wenn wir diesen Gedanken zulassen, dann sind wir schnell und unweigerlich bei den eigenen Erfahrungen, die wir mit Menschen sammeln mussten. Viele Begebenheiten des Lebens und nicht wenige Etappen unserer Biographien sind gefüllt von Beispielen dafür, wie Menschen Menschen schinden, wie andere Menschen uns das Leben schwermachen. Keine Frage: Wir bieten oft Anlass für Widerstand und Reaktion, fraglos auch, dass wir selbst Fehler machen und Verletzungen von uns ausgehen. Aber die Aggression, der man zuweilen ausgesetzt ist, kann üble Züge annehmen und heftig eskalieren. Wenn du den falschen Menschen in die Finger kommst, dann – und dieser Ausspruch ist bezeichnend –  dann „Gnade Dir Gott.“

Die Fantasie und der Variantenreichtum des Bösen ist unerschöpflich. Ausgeschlossen ist deshalb oft, vorher zu ahnen und sich auf das einzustellen, was sich andere einfallen lassen. Manchmal meint man fast, das Böse hätte eine eigene Logik und Systematik .Erstaunlich auch, wie es gelingt, andere Menschen, oft auch Unbeteiligte, dafür zu vereinnahmen. Wenn man Pech hat, macht es den Eindruck ,als habe sich alles gegen einen verschworen und seien die anderen erst zufrieden, wenn man vollständig geschunden und niedergestreckt ist.

Das gibt es im Kleinen in der Familie und im Freundeskreis, wo es vielleicht am meisten überrascht, weil man es dort nicht vermuten würde. Manches wirkt wie ein Thriller. Das gibt es am Arbeitsplatz und im privaten Umfeld, wir nennen das heute Mobbing oder Basching. Wer davon betroffen ist, kann einen wahren Horror erleben. Im Übrigen keine Sondererfahrung der erwachsenen Welt. Viele Kinder und Jugendliche sind dem bereits in einer Brutalität ausgesetzt, die kaum steigerungsfähig erscheint.

Schließlich wäre da noch die Öffentlichkeit, der Schlagabtausch im gesellschaftlichen und medialen Raum. Was sich hier an Untiefen menschlicher Niedertracht und Niveaulosigkeit auftut die verbale Gewalt, die keine Grenzen kennt, und das Kesseltreiben, dass nur die Kapitulation als Ergebnis anerkennt, sind geeignet, Menschen zu vernichten. Dramatisch obendrein, wenn sich politische Extreme dieser Methodik bedienen.

Wir leben in Deutschland im äußeren Frieden und in gesicherter Rechtsstaatlichkeit, aber unter uns geht es nicht selten zu wie im wilden Westen. Heute nun reden wir nicht von anderen, wir sprechen von uns. Heute reden wir nicht davon, Täter zu sein, heute ist an die Momente gedacht, wo wir selber Opfer waren oder vielleicht gerade sind: Geschunden von Menschen.

Als Seelsorger wüsste ich viele Beispiele anzufügen, von anderen und auch von mir selber. Erfahrungen mit der Finsternis, von der im Evangelium die Rede war und die wir Menschen manchmal mehr zu lieben scheinen als das Licht. Sie sind geeignet, uns das Vertrauen in den Menschen zu nehmen, manche fühlen sich wie traumatisiert. Einmal von Menschen geschunden, kann es schwerfallen, sich davon zu erholen und sich wieder auf andere einzulassen. Es gibt ernstzunehmende Wissenschaftler, die behaupten, dass das zunehmende Phänomen von Singledasein und Einsamkeit nicht zuletzt darin seine Ursache findet: In der Leid- und Verletzungsgeschichte, die viele Menschen mit Menschen haben.

„Geschunden sein von Menschen“, diese Erfahrung verbindet uns. Wenn wir uns so ehrlich machen vor Gott und uns unter dem Kreuz einfinden, heißt das für mich in der Verlassenheit und Not nicht einsam zu bleiben, „Ich bin da und fühle mit dir!“ Es heißt auch zu hören – darauf verwies mein geistlicher Begleiter gerne – wie der Gekreuzigte spricht: „Herr rechne ihnen diese Sünde nicht an.“ Das kann helfen, nicht bitter zu werden und die Liebe nicht aufzugeben. Schließlich heißt es zu ahnen, dass die Schinderei enden und sich verwandeln wird. Mir ermöglicht es dann, aufzustehen und mich dem Leben weiter zu stellen.