Synodaler Weg:"Dialogverweigerung und Textflut machen Debatte unmöglich"

Bonns Stadtdechant, Dr. Wolfgang Picken, macht im Vorfeld der zweiten Vollversammlung des „Synodalen Weges“ auf die grundlegende Kritik an den vorgelegten Texten und auf eine fehlende Debattenkultur aufmerksam.
Datum:
28. Sep. 2021
Von:
Ayla Jacob

Bonns Stadtdechant, Dr. Wolfgang Picken, macht im Vorfeld der zweiten Vollversammlung des „Synodalen Weges“ auf die grundlegende Kritik an den vorgelegten Texten und auf eine fehlende Debattenkultur aufmerksam.

Dr. Picken verweist hier besonders auf einen Vortrag, den Kardinal Walter Kasper vor wenigen Tagen in Augsburg gehalten hat. In diesem kritisierte er den offiziellen Text des Forums 1 „Macht und Gewaltenteilung“ und stellte sich ausdrücklich hinter den Alternativtext „Vollmacht und Verantwortung“, zu dessen Autorenkreis der Bonner Stadtdechant gehört. Doch dies sei nicht der einzige Zuspruch, den man erfahre. So sei eine Würdigung des Textes durch den Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch bei den Verfassern eingegangen, darüber hinaus dürfe man die kritischen Anmerkungen des emeritierten Kurienkardinals Robert Sarah zum synodalen Weg in Deutschland nicht außer Acht lassen. Sämtliche Rückmeldungen, so Pickens Einschätzung, müssten als eindringliche Appelle verstanden werden, einen wirklichen Diskurs aufzunehmen und die Forumstexte besonnen und kritisch zu überdenken. Kardinal Koch hatte den Autoren geschrieben, dass der Alternativtext „Vollmacht und Verantwortung“ seine „volle Zustimmung“ finde.

Bedeutende Kardinäle distanzieren sich

Für Bonns Stadtdechant macht es aber gegenwärtig den Eindruck, als wollte eine Mehrheit im Präsidium des Synodalen Weges und einige der treibenden Theologen unter den Delegierten unbeirrt die Textvorlagen auf der Vollversammlung durchpeitschen und keine wirkliche Diskussion über die Alternativtexte zulassen. „Allein die unübersichtliche Fülle der Texte macht eine inhaltliche Debatte unmöglich“, so Picken weiter. Das sei besonders auch deshalb der Fall, weil der Großteil der Mitglieder der Synodalversammlung nicht an der Textarbeit in den vier Foren beteiligt war und keine Theologen sind. „Die Agenda führt zu einer Überforderung der Synodalversammlung. Sie entspricht in keiner Weise der Idee angemessener Partizipation und schon gar nicht der Bedeutung der aufgeworfenen Fragen“, bemängelt der Bonner Stadtdechant. Auch sei im Forum 1 inzwischen die Entscheidung getroffen worden, dass der von vier Mitgliedern des Forums vorgelegte Alternativtext dort nicht behandelt wird. „Es sind diese Erfahrung der Diskussionsverweigerung, die die Autoren dazu geführt haben, den Alternativtext zu verfassen und ihn auf einer externen Homepage zu veröffentlichen. Wir sind erschüttert, dass diese Methode der Ausgrenzung und des Totschweigens unbeirrt fortgesetzt wird“, erklärt Dr. Picken.

Mit großem Bedauern habe man im Kreis der Autoren des Alternativtextes auch festgestellt, dass es den Anmerkungen und Beiträgen des Papstes nicht anders erginge. Sowohl der Brief von Papst Franziskus an die Deutsche Kirche zu Beginn des Synodalen Weges als auch seine jüngsten Ausführungen über die Strukturen des weltweiten synodalen Prozesses würden in den Organen des Synodalen Weges nicht zur Diskussion gestellt. Stattdessen greife man einzelne Zitate des Papstes heraus, die man als Bestätigung empfinde, und lege den Rest, insbesondere die kritischen Anmerkungen, achtlos zur Seite. „Das ist ein Debattenkultur, die dem Anspruch von Transparenz und Diskurs in keiner Weise gerecht wird. Es verfestigt sich zunehmend der Eindruck, dass die Reformziele des Synodalen Weg bereits festgeschrieben sind und man eine Konkurrenz der Meinungen schon im Ansatz unterbinden will.“ Im Zweifel bediene man sich dabei auch des Mittels der Diskriminierung und Ausgrenzung der Kritiker.

Kardinal Kasper hatte in seinem Vortrag hervorgehoben, dass der Text des Forums 1 „Macht und Gewaltenteilung“ in vielen Aussagen auf theologischen Hypothesen basiere, die im Widerspruch zur Lehre des Vatikanums II, etwa beim sakramentalen Verständnis der Kirche und des Bischofamtes, stünden. Es sei, so Kardinal Kasper, zu fragen, ob der vorliegende Grundlagentext überhaupt noch katholisch sei.

Der Deutsche Kardinal und Vordenker der Dogmatiker stellte sich in seinem Vortrag stattdessen ausdrücklich hinter den Alternativtext, „Vollmacht und Verantwortung“ (siehe www.synodale-beitraege.de). Dieser suche auf dem sicheren Boden des Konzils den Weg des Konzils weiterzugehen. Dabei zeige er: „Man muss gar nicht alles auf den Kopf stellen. Auf dem Boden des Konzils kann man im Geist des Konzils über das Konzil hinausgehen, ohne mit der Kirchenlehre in Konflikt zu geraten.“ Schließlich fand Kardinal Kasper zu folgender Bewertung des Alternativtext: „Das ist der Weg der lebendigen Tradition, der Weg der Kirche. Er versteht die Tradition nicht als abschreckendes Bollwerk, sondern als Einladung, sich auf den Weg der Kirche zu machen und sich dabei auch von neuen Einsichten überraschen zu lassen.“

Appell an die Deutschen Bischöfe

Picken versteht die Einschätzung Kaspers als Bestätigung dafür, dass der offizielle Grundlagentext theologisch nicht haltbar ist. „Der Text bedarf einer grundlegenden Überarbeitung. Ich erwarte, dass er spätestens nach diesen eindeutigen Anmerkungen nicht die Zustimmung der Deutschen Bischöfe finden wird“, so der Bonner Theologe weiter. Wenn ein Drittel der Deutschen Bischöfe in der Synodalversammlung einem Text nicht zustimmen, gilt der Text in seiner Form als abgelehnt.

Zudem durchkreuze die Stellungnahme Kaspers die plumpe Strategie, den Alternativtext in die reaktionäre Ecke abzuschieben. „Spätestens die Bewertung Kaspers sollte alle Mitglieder der Synode dazu veranlassen, aus diesem unredlichen Bewertungsschema auszusteigen. Man müsse sich nüchtern mit den Defiziten der offiziellen Texte befassen und die Vorzüge der Alternativtexte anerkennen“, so der Bonner Theologe und Politikwissenschaftler. Der Alternativtext „Vollmacht und Verantwortung“ zeichne sich durch theologische Seriosität und mit Blick auf die Reformvorschläge durch pragmatische Vernunft aus. „Die vorliegenden Synodaltexte hingegen verlassen vielfach den Boden der gelten Glaubenslehre und riskieren die Einheit mit der Weltkirche. Viele Forderungen sind utopisch und gefährdeten am Ende mögliche Reformen.“