Synodaler Weg:Der Stadtdechant im Interview mit Radio Horeb

Hintergründe und Reaktionen auf den Alternativtext zum Synodalen Weg
Datum:
10. Sep. 2021
Von:
Ayla Jacob

Herr Stadtdechant Picken, Sie haben sich mit weiteren Synodalen aus dem Forum „Macht und Gewaltenteilung“ des Synodalen Wegs zusammengetan und ein alternatives Reformpapier erarbeitet. Was waren dafür die Gründe?

Dr. Wolfgang Picken: Die vier Autoren des Textes waren als Mitglieder des Forums 1 extrem enttäuscht von der Diskussionskultur. Wir haben mehrfach die Erfahrung machen müssen, dass unsere Stellungnahmen und Beiträge zu den theologischen Grundlagen, die wir zu Teilen sehr ausführlich in schriftlicher Form vorgelegt haben, in den Beratungen kaum oder gar nicht aufgegriffen wurden. 

Schließlich kamen wir zu dem Ergebnis, dass wir das theologische Fundament des Textes unmöglich teilen können. Folglich blieb uns übrig, einen eigenen Text zu erarbeiten. Er formuliert wichtige Reformanliegen. Zugleich aber basiert er auf der geltenden Lehre und wahrt die Einheit mit der Weltkirche. Unser Text mit dem Titel „Vollmacht und Verantwortung“ ist so verstanden eine echte Alternative zu dem Text, den das Forum der Vollversammlung vorlegen wird. Auch ist er bereits ein Diskussionsbeitrag für den weltweiten synodalen Prozess, den Papst Franziskus wünscht.

 

Einer ihrer Hauptkritikpunkte ist die Debattenkultur beim Synodalen Weg. Wie dürfen wir uns diese vorstellen?

Picken: Wie gesagt, wir haben zahlreiche schriftliche Stellungnahmen abgegeben, die nicht im Forum besprochen wurden und zum Teil nicht einmal Eingang in Protokolle gefunden haben. Bis heute sind unsere Diskussionsbeiträge und kritischen Anfragen für eine öffentliche Diskussion nicht zugänglich. Es ist so, als ob es sie nicht gegeben hätte.

Eine solche Diskussionskultur ist wenig angemessen und schon gar nicht motivierend. Es ist gerade die kontroverse Debatte, die es braucht, wenn wir zu guten Ergebnissen kommen und die Menschen mitnehmen wollen. Auch der Hinweis auf einen angeblichen Zeitdruck oder auf die Geschäftsordnung rechtfertigen nicht ein solches Vorgehen. So wenig wertschätzend sollte man selbst mit Minderheitenvoten nicht umgehen.

Im Ergebnis haben wir also die kritische und kontroverse Debatte über die theologischen Grundlagen vermisst. Zuweilen musste man den Eindruck gewinnen, dass das Forum sehr einseitig besetzt war. Auch haben wir erleben müssen, wie schon in einem sehr frühen Stadium über eine Mehrheitsentscheidung die theologischen Grundlagen festgelegt wurden und von diesem Moment an nur noch Veränderungen am Detail zugelassen waren. Da bleibt einem dann nicht mehr viel zu sagen und irgendwann kommt der Moment, da muss man handeln, weil man sich nicht ernst genommen fühlt und einem das Gewissen Probleme macht.

 

Sie befürchten, dass der Synodale Weg, so wie er zurzeit durchgeführt wird, am Ende in Frustration endet und im schlimmsten Fall zu einer Kirchenspaltung führen könnte. Worauf stützen Sie diese Befürchtungen?

Picken: Der Text des Forums übergeht weitgehend die sakramentale Dimension der Kirche und damit des Episkopats. Durch die Auflösung der Zusammengehörigkeit von ordo und iurisdictio fällt er klar hinter das II. Vatikanum zurück. Er enthält ein soziologisches und funktionales Kirchenverständnis, das in „Lumen gentium“ zu überwinden das Grundanliegen des Konzils war.  Die Kardinäle Kasper und Koch aus Rom haben eine ähnliche Bewertung des Textes wie wir vorgelegt. Auch in der Glaubenskommission der Deutschen Bischöfe gab es ähnliche Stimmen. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass das Dokument auf theologischen Prämissen aufruht, die nicht zu halten sein werden. Damit würde der Text spätestens nach einer Prüfung im Vatikan in sich kollabieren. Das Bemühen um Reformen würde ins Leere laufen und nichts anderes als Enttäuschung hinterlassen. Oder der Synodale Weg entscheidet sich, einen deutschen Sonderweg zu gehen und damit käme es zur Spaltung in der Kirche und den Verlust der Einheit mit der Weltkirche und dem Papst. 

 

Ihr alternatives Reformpapier haben Sie ja auf einer neuen Internetplattform veröffentlicht, auf der zukünftig auch noch Texte zu den anderen Foren folgen sollen. Befürchten Sie nicht, dass dies zu weiteren Kontroversen führen wird und sahen Sie keinen anderen Weg über die offiziellen Kanäle des Synodalen Wegs?

Picken: Wir haben den Text „Vollmacht und Verantwortung“ zeitgleich mit der Veröffentlichung auch dem Synodalen Weg vorgelegt. Es ist unser ausdrücklicher Wunsch, dass der Text im Forum 1 oder auf der Vollversammlung diskutiert wird. Wenn man jetzt einen integrativen Weg gehen möchte, ist das Präsidium des Synodalen Weges aufgefordert, sich nicht hinter Prinzipien und Geschäftsordnung zu verschanzen und eine offene Debatte zu fördern und zuzulassen. Alles, was einer fruchtbaren Auseinandersetzung und einem Ringen um den richtigen Weg dient, sollte man nutzen.

 

Was glauben Sie, hat Bischof Voderholzer dazu veranlasst, die Internetseite synodale-beitraege.de ins Leben zu rufen, die ja bestimmt auch kritische Reaktionen nach sich ziehen wird?

Picken: Bischof Voderholzer will einer wirklichen Debatte eine Chance geben, was ja im Synodalen Weg gegenwärtig nicht wirklich gelingt. Allein das, was in den vergangenen Tagen seit der Inbetriebnahme der Homepage an Diskussion ausgelöst wurde, auch an thematischem Interesse, geht weit über das hinaus, was in den vergangenen Monaten vom Synodalen Weg zu hören war. Ein inhaltliches Ringen, auch eine kontroverse Debatte schaden nicht. Im Gegenteil, sie sorgen für Beteiligung und helfen einen Weg zu finden, den möglichst alle mitgehen können und an dem die Einheit der Kirche keinen Schaden nimmt. Der Synodale Weg sollte daran interessiert sein, dass sich viele Formate der Beteiligung und der begleitenden Diskussion entwickeln. Überspitzt gesagt, es kann nicht genug Internetplattformen geben, auf denen Menschen über die Zukunftsfragen von Kirche und Glauben diskutieren. Lassen Sie mich als Politologen sagen: Wer die Demokratie als Vorbild im Blick hat, sollte die Konkurrenz der Meinungen fördern und am Ende auch dem Minderheitenschutz große Aufmerksamkeit schenken.

Als eine der ersten Gruppen hat sich die so genannte Kirchenvolkbewegung „Wir sind Kirche“ zu Wort gemeldet. Dort wird die Initiative von Bischof Voderholzer als - so wörtlich - „starker Affront gegen die anderen deutschen Bischöfe“ gewertet. Wie sehen Sie diese Kritik?

Picken: Ich habe diese Kritik gelesen. Aber um sie kommentieren zu können, müsste sich mir erschließen, was sie damit gemeint haben. Ich halte das für abwegig. Wenn den Bischöfen jetzt eine Alternative vorliegt, ist das kein Affront. Im Gegenteil, es würdigt ihre Vollmacht, denn jetzt erst haben sie wirklich eine Wahl.

 

Mittlerweile kam auch Kritik von anderen Synodalen. So warf Ihnen persönlich der Theologe Matthias Sellmann vor, Sie hätten zu selten an den Sitzungen des Forums teilgenommen und daher Ihre Chance, Ihre Kritik einzubringen nicht genutzt und sollten deshalb ihre Vorwürfe zurücknehmen. Wie sehen Sie diese Kritik?

Picken: Herr Sellmann weiß, dass er nur die halbe Wahrheit sagt und das Entscheidende verschweigt. Ich habe zunächst ausnahmslos an allen Sitzungen teilgenommen, mich – wie das meine Art ist – intensiv beteiligt und sehr klar gesprochen. Als ich dann mit den anderen drei Autoren wiederholt die Erfahrung machen musste, dass unsere Eingaben zu dem Grundlagentext vollständig unter den Tisch fallen, haben wir im Januar unsere Kritik an dem Diskussionsverhalten sehr deutlich formuliert und uns entschieden, an einem eigenen Text zu arbeiten, statt weitere Konkretionen eines Textes zu diskutieren, deren Grundlagen wir nicht teilen können.

 

Der Theologe Thomas Söding kritisiert: Der Alternativtext rede die Aufgaben klein, an deren Lösung die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland hänge. So gebe es eben nicht nur persönliches Versagen, sondern auch systemische Ursachen für Missbrauch und andere Probleme. Die notwendige Beachtung der Geschlechtergerechtigkeit, der stärkeren Mitverantwortung von Laien und einer «tiefgreifenden Umgestaltung der kirchlichen Sexualmoral» würden in dem Text nicht ausreichend thematisiert oder sogar verleugnet. Was entgegnen Sie Thomas Söding?

Picken: Herr Söding hat innerhalb von einem Tag auf den Text reagiert. Er hätte ihn besser lesen sollen, dann würde er nicht falsch und missverständlich aus ihm zitieren. Meines Erachtens dokumentiert seine Reaktion sehr deutlich, wie an manchen Stellen des Synodalen Weges mit gegensätzlicher Meinung umgegangen wird. Man versucht, sie als reaktionär zu brandmarken oder unterstellt dem Andersdenkenden, er sei nicht an einer hinreichenden Prävention von Missbrauch in der Kirche interessiert. So etwas sollte man unter Schwestern und Brüdern nicht einmal denken.

Die Autoren des Textes „Vollmacht und Verantwortung“ sehen die vielschichtigen Probleme der Kirche, kommen aber zu anderen Lösungsansätzen und Reformvorschlägen. Das sollte man respektieren. Es ist unsere feste Überzeugung, dass die nüchterne Analyse des Missbrauchsskandals nicht hinreichend begründet, theologische Grundaussagen über die Kirche und die Sakramente zu verändern oder sogar die Einheit mit der Weltkirche zu riskieren. Man könnte gelegentlich den Verdacht hegen, die Aufarbeitung des Missbrauchs wird dazu genutzt, bisher gescheiterten Reformanliegen neuen Nachdruck zu verleihen. 

 

Papst Franziskus hat sich ja vor Kurzem selbst zu Wort gemeldet und darauf hingewiesen, dass der Synodale Weg einige der Dinge, die er in seinem Brief an „das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ erkläre, nicht entsprechend berücksichtige. Sehen Sie sich durch diese Aussage in ihrem Handeln bestärkt?

Picken: Ich denke, dass ist ein eindeutiges Signal des Papstes. Auch wurde meines Wissens schon von Rom aus mit verschiedenen Bischöfen das Gespräch gesucht und ihnen signalisiert, dass die deutschen Reformvorschläge sich an vielen Stellen von der Einheit mit der Weltkirche lösen.

Dem Text der Forums 1 liegen theologische Hypothesen und Interpretationen speziell des Zweiten Vatikanischen Konzils zugrunde, die so nicht durch das Lehramt bestätigt sind und teilweise sogar dem Wortlaut der Konzilstexte zuwiderlaufen. Reformen sind wichtig, aber sie müssen auf dem Boden der kirchlichen Lehre stehen und sie sollten pragmatisch und realistisch angelegt sein, damit sie umsetzbar sind und der Kirche nutzen. Genau darum geht es unserem Text.

 

Wie sollten nach Ihrer Ansicht die deutsche Kirche und der Synodale Weg auf den Aufruf von Papst Franziskus zu einem zweijährigen internationalen synodalen Prozess reagieren, da dieser ja zunächst auf regionaler Ebene in den Diözesen stattfinden soll?

Picken: Soweit ich weiß, wird der Vatikan zeitnah eine Struktur veröffentlichen, nach der weltweit der Synodale Weg verlaufen soll. Dem Papst ist dabei ein basisorientierter Prozess wichtig – von der Pfarrei, über die Diözese bis zur Kirche eines Landes.

Dabei geht es ihm, wenn ich es richtig verstehe, zuerst um eine gemeinsame Selbstvergewisserung der Gläubigen und eine Erneuerung des Glaubens. Daraus folgen dann Schritte der persönlichen Umkehr und der systemischen Reform, und das nicht nur mit Blick auf die Missbrauchsthematik.

Mir scheint das die bessere Reihenfolge zu sein. Der synodale Weg in Deutschland hat nämlich einen großen Makel. Er besitzt keine vorgesehene Rückbindung an die Gläubigen und droht zu einer Synode von Delegierten zu werden, die in der Luft hängt. Man kann das überall in den Gemeinden und Verbänden beobachten. Es wird also spannend werden, ob der Prozess in Deutschland bereit ist, sich im weiteren Verlauf den Vorstellungen des Papstes anzupassen und seiner Agenda zu folgen. Oder wird man auf einen deutschen Sonderweg beharren, so wie es einige aus der Synode sich auch mit Blick auf Reformen durchaus vorstellen können?

Abschließend scheint mir noch etwas anderes bedeutsam. Der Papst soll mit einer Bemerkung kritisch verdeutlicht haben, so hat es die Deutsche Presse Agentur berichtet, was er an der deutschen Kirche für typisch hält: Texte, Texte, Texte. Entsprechend würde man sich einen synodalen Prozess in Deutschland wünschen, der zu mehr führt als zu beschriebenem Papier.