Fortsetzung der Fastenpredigtreihe:Das Kreuz mit dem Glauben

Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken spricht über Momente und Situationen, die uns an die Grenze unserer Leidensfähigkeit bringen
Datum:
1. März 2021
Von:
Ayla Jacob

„Geschunden“ ist der Titel der diesjährigen Predigtreihe, mit der Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken die Gläubigen in den sonntäglichen Messen durch die Fastenzeit. Nächster Termin ist am 7. März, ab 12 Uhr in der Kirche Sankt Remigius, Brüdergasse 8. Die musikalische Gestaltung der Heiligen Messe liegt in den Händen von Regionalkantor Markus Karas.

Am vergangenen Sonntag ging es um Momente und Situationen, die uns strapazieren und uns an die Grenze unserer Leidensfähigkeit führen. „Der zunehmende Abstand vieler vom christlichen Glauben und seinem Gott ist nicht allein, vermutlich nicht einmal vordringlich, durch das skandalisierte Fehlverhalten der Kirche, ihrer Oberen und mancher Gläubigen zu erklären“, so Picken. Diese Krisenlagen verstärkten nur etwas, was in vielen Menschen verankert sei. „Sie haben keine guten Erfahrungen mit ihrem Glauben gemacht und fühlen sich von Gott enttäuscht, nicht wenige auch „geschunden“. Mancher verliere darüber seinen Glauben komplett. 

Zweifel gebe es immer, aktuell aber sei er vermutlich besonders ausgeprägt. Wir seien gewohnt, nach dem Nutzen zu fragen, lernten in unserer Konsumwelt wegzuwerfen und uns von dem zu befreien, was uns beschwere – materiell wie emotional. Das gelte nicht nur für menschliche Beziehungen, das gelte auch für die Verbindung mit Gott. Gegen diese Haltung spräche vieles. So werde eine Welt, die man auf das Nützliche reduziere „kalt und unmenschlich“, stellt Picken fest. Doch es gibt ein Aber: „Gleich wie kritisch wir dieser Haltung auch gegenüberstehen, wir dürften alle aus eigener Erfahrung gut nachvollziehen können, dass sich jedem gelegentlich die Frage nach dem Nutzen der Religion stellt und sie die Beziehung zu Gott belasten kann.“

Es gebe sie, die Momente, in denen sich bestätige, dass es Gott gibt. „Wir spüren dann, welch unbeschreibliche Zustände von Erfüllung seine Anwesenheit auslöst.“ Diese Momente jedoch endeten plötzlich – und wechselten in die nüchterne Realität des Lebens, manchmal schwenken sie sogar brutal um in das blanke Gegenteil“. Warum, frage man sich, gönnt und Gott nicht das Verweilen im Glück? „Wie sehr man in seinem Glauben geschunden werden kann und das eine oder andere Mal sogar kurz davorsteht, sein Gottvertrauen zu verlieren und die Verbindung zu Gott aufzugeben, findet sich ebenso in biblischen Bildern wieder“, so der Stadtdechant. So werde Abraham endlich Vater, dann jedoch fordere Gott das Leben seines Sohnes Isaak. Darüber hinaus nennt er Hiob, „der alles verliert, schlichtweg alles, bis nur noch Gott bleibt“. Beispiele für Erfahrungen, die vielen von nicht erspart blieben. „Prüfungen des Lebens, die unterschiedlich stark ausfallen können, die uns an die Grenzen des Erträglichen führen, die Tränen kosten und Kraft rauben, und die zur Prüfung unseres Glaubens werden“, so Picken.

Doch auch das gehöre zum „ehrlich machen vor Gott“. Zu erkennen, dass das Leben und auch der Glaube „eine Schinderei und eine Zumutung sein können“. Momente, in denen man an Gott verzweifle „und im Nachhinein nicht erklären kann, wieso man im Unterschied zu anderen dabei den Glauben nicht verloren hat“. Einige könnten das nicht. Doch auch dafür, so der Stadtdechant, habe er Verständnis. „Ich wüsste nicht zu sagen, ob ich in vergleichbaren Situationen stärker wäre.“ 

Damit stelle sich die Frage nach dem „Warum“. Warum muss es Leid und Schmerz geben? Eine einfache Antwort darauf gebe es nicht, so Picken. Hilfreich sei es, sich mit Gott auseinanderzusetzen – in der Nähe eines Kreuzes. Dort, so der Rat des geistlichen Begleiters des Stadtdechanten, werde man spüren, dass man mit seinen Fragen und seiner Not nicht allein ist. Gott selbst konnte der Schinderei nicht entkommen und habe erfahren, was sie bedeutet.  

„Frage Dich dann: Wer machte aus dem Holz das Kreuz. Wer trieb die Nägel in die Hände, wer schlug ihm die Dornenkrone auf den Kopf?“, zitiert Picken. „Verwechsle also das Opfer nicht mit dem Täter.“ Er sei mit Dir Opfer, „wie Du geschunden“. Und zeige Dir eine Welt, in der man der Schindereit entkomme.  „Vor dem Kreuz ehrlich sein vor Gott und feststellen: Geschunden sein und nicht allein. Geschunden sein und einmal frei. Das nimmt in solchen Momenten nicht den Schmerz, aber ja, es verändert ihn.“