Festhochamt und Vernissage:Das Bonner Münster ist wieder eröffnet

Fast 1000 Gläubige feierten gemeinsam die Wiedereröffnung des Bonner Münsters - mit einem Festhochamt und der Vernissage der Ausstellung "Licht und Transparenz".
Datum:
1. Nov. 2021
Von:
Ayla Jacob

Es war ein Moment, auf den Bonn lange gewartet hat: Pünktlich um 17 Uhr begann das Festhochamt am Vorabend zum Hochfest Allerheiligen im Bonner Münster. Damit wurde die Basilika offiziell wieder eröffnet - nach fünf Jahren der Sanierung. Zu den Klängen von "Nun jauchzet dem Herren alle Welt" zogen Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken, die Kreis- und Stadtdechanten des Erzbistums Köln, die leitenden Pfarrer Bonns und die Seelsorgerinnen und Seelsorger der Münstergemeinde in das sanierte Münster ein, begleitet unter anderem von Chargenabordnungen der katholischen Studentenverbindungen, Rittern, Orden und Ministranten. 

Mit dabei waren auch fast 1000 Bonnerinnen und Bonner - vor Ort in der Basilika, per Livestream in Gangolfsaal und Krypta. Mehrere Hundert verfolgten das Festhochamt außerdem auf dem YouTube-Kanal des Bonner Münsters. Im Anschluss wurde die Ausstellung "Licht und Transparenz" in Kooperation mit der Stiftung für Kunst und Kultur (und gesponsert von der Telekom mit freundlicher Unterstützung der Volksbank Köln Bonn eG) eröffnet, bei der Werke von Monica Bonvicini, Anthony Cragg, Heinz Mack, Mariele Neudecker und Gerhard Richter zu sehen sind. Stellvertretend für die Gemeinde und Gäste verlieh Bürgermeisterin Melanie Grabowy - Oberbürgermeisterin Katja Dörner war wegen der Koalitionsverhandlungen verhindert - ihrer Freude Ausdruck, dass das Bonner Münster nun wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Cragg drückte in einer Kurzen Rede seine Begeisterung darüber aus, "Teil dieser Ausstellung sein zu dürfen".

Predigt des Stadtdechanten

In der Predigt des Stadtdechanten ging es unter anderem um  "Licht und Transparenz". Der Kirchraum sei von Licht erfüllt, die Basilika voll besetzt. "Wir spüren eine Stimmung von Freude und Zusammenhalt. Das kommt einem ungewohnt, dem äußeren Betrachter vielleicht sogar grotesk vor." Denn - unabhängig von Corona - sei es, so Picken, kaum zu glauben, dass so viele Katholiken gemeinsam feierten, "wo gegenwärtig nur davon die Rede ist, dass die Menschen ihre Kirche in Scharen verlassen". Irritierend mute es auch an, dass sich Menschen zu einer Gemeinschaft bekennen, in der "auf so erbärmliche Weise öffentlich wird, wie sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch schamlos ihr Unwesen in der Kirche treiben", so der Stadtdechant. Eine Zusammenkunft von Scheinheiligen, "ein Verein aus dem Mittelalter", so sehe es die Mehrheit "da draußen", fand Picken deutliche Worte. 

"Wäre nicht etwas mehr Bescheidenheit und Demut angemessener? Nun ich sage es ihnen frei heraus: Nein!" Er habe genug davon, dass nichts mehr von dem übrigbliebe, "was unseren Glauben und unsere Kirche eigentlich ausmacht". Wer sich im Zuge der Skandale noch nicht abgewendet habe, werde dies bald tun, weil er in der Kirche nichts mehr finde "außer Konflikte, schlechte Stimmung und Selbstmitleid".

Picken: "Es gibt immer eine Gleichzeitigkeit von Gut und Böse"

Dabei schäme er sich zutiefst für vieles, "was sich als Realität der Kirche zeigt". Es brauche "Licht und Transparenz", also schonungslose Aufklärung, gepaart mit Konsequenz, die den Opfern gerecht werde und Fehler der Verantwortlichen nenne und ahnde. Aber: Wo man von "Licht und Transparenz" spreche, zeigten sich nicht nur Schatten und Defekte, sondern auch Schönheit, Vielfalt, Tiefe und Weite. "Es gibt immer eine Gleichzeitigkeit von Gut und Böse, von Hell und Dunkel, von Heil und Verwundet", so Picken. "Das gilt auch für die Kirche, es war nie anders und es wird so bleiben! Sie war immer die Verdorbene, die Fehlerhafte und Unwahrhaftige und zugleich die Wertvolle, die Gute und Wahre."

Beides zu sehen, sei man auch denen schuldig, die Kirche vor Ort gestalteten. "Sie verdienen Wertschätzung und Respekt, und dass es sie in großer Zahl gibt, auch in unserer Stadt, ist ebenso eine Wirklichkeit der Kirche." "Licht und Transparenz", der strahlende Glanz der Basilika zeige stellvertretend, "dass es auch das Andere in dieser Kirche gibt, das Wahre, Schöne und Gute". In diesem Licht werde transparent, dass die Liebe jeden begleite und man sie nicht verlieren könne - auch nicht durch Fehler und die eigenen Schattenseiten. Daran ändere auch der Tod nichts. "Eine unendliche Weite liegt vor uns." Das sei die Botschaft, "die unseren Glauben ausmacht und den Menschen frei macht", so Picken. Das habe Kirche den Menschen zu geben - in einer Zeit, die voll sei von Verwundungen und Niedergeschlagenheit. 

Glaube an Christus als sinnstiftendes Moment 

Darüber hinaus gebe der Glaube an Christus dem menschlichen Leben einen Sinn, betonte Picken. Das Dasein sei nicht zufällig. "Wir können uns an Gottes Plan beteiligen, diese Welt positiv zu gestalten." Diese Botschaft könne Kirche vermitteln. Denn: "Wundert es uns wirklich, dass unsere gesellschaftlichen Probleme und Krisen zunehmen, wenn dem Menschen Sinn und Vision, Verantwortung und Perspektive abhanden kommen?" Die Haltung unseres Glaubens biete so den Lösungsansatz für die meisten Krisen der Moderne. Würde sich jeder um das Heil aller bemühen, statt sich um sich selbst zu drehen, rücke auch das Heil für alle näher: Allerheiligen. Daher müsse Kirche ihre Lähmung überwinden "und endlich wieder auf die Welt zugehen".

Es wäre ein Fehler gewesen, die Basilika zu sanieren "und lediglich die Ästhetik vergangener Epochen wieder herzustellen", so Picken. Kirche als Konservierungsmaschine funktioniere nicht und setze die falschen Signale. "Deshalb heute die moderne Kunst in der wiedereröffneten Basilika", so der Stadtdechant in seiner Predigt.  "Dieser starke Impuls weltweit anerkannter Künstler. Diese wundervollen Werke werden viele Menschen, auch solche, die mit Kirche und Glauben nichts am Hut haben, herausfordern, an diesem Ort nach Licht und Transparenz, nach Wahrheit und nach Gott zu suchen. Mitten in einer Kirche."

"Was sich hier unserem Auge zeigt, ist eine riesige Chance, wieder in den Dialog mit den Menschen zu finden und von dem zu sprechen, was uns eigentlich bewegt." Das setze aber voraus, dass man sich des Auftrags wieder bewusst werde: Kirche müsse und dürfe sich nicht verstecken. "Diese Basilika strahlt in neuem Glanz und ermutigt uns, wieder an das Heilige zu glauben. Dieser Raum ist Motivation und Apell, sehr bewusst unseren Beitrag dafür zu leisten, dass das Leben aller Menschen und dieser konkreten Welt heiler wird: Alle für alle und Gott für uns: Aller-Heiligen."

Vernissage der Ausstellung "Kunst und Kultur"

Der öffentliche Raum gehöre allen, sagte Prof. Walter Smerling, Vorsitzender der Stiftung für Kunst und Kultur. Jeder sei Mitarbeiter der Künstler. Jeder sei gefordert, sich mit der Kunst auseinanderzusetzen. "Dann werden wir Dinge entdecken, die selbst der Produzent manchmal nicht entdeckt." Die Verbindung von Kunst und Kirche sei schon sehr alt. Als noch die wenigsten lesen konnten, wurde Bibel, wurde Kirche in Kunst sichtbar, so Smerling.

Die Kunst unserer Zeit komme nicht als Bittstellerin, als Lehrmeisterin oder im Gestus der Überlegenheit in die Kirche. Sie biete uns etwas an: Die Befassung mit der Welt, wie es kein anderes Medium uns ermögliche. Das sei das Interessante an der Kunst im öffentlichen Raum. Sie beschäftige uns und animiere uns zum Nachdenken, zur Auseinandersetzung.

Dass die Kirche als öffentlicher Raum diese Auseinandersetzung suche, sei ein Zeichen, das Hoffnung mache. Diese Kontroverse tue der Kirche gut. In einer Zeit, in der es nicht nur in der Kirche Skandale gebe, "tuen Licht und Transparenz dringend Not". Man dürfe sich auf fünf Künstlerpersönlichkeiten freuen. Es komme auf vier Dinge an: Wahrhaftigkeit, Autorschaft, Identität und Authenzität. Und das nicht nur für die Künstler, sondern für alle. 

 

Der Livestream zum Nachschauen

Die Predigt zum Nachhören